Latente Behindertenfeindlichkeit in der „inklusiven“ Geschichtsdidaktik?

Das Gegenteil von „gut“ ist nicht immer „gut gemeint“ (in Abgrenzung zu G. Benn). Doch manchmal trifft dieser Vorwurf zu – insbesondere dann, wenn sich Leute an konzeptionellem Denken zur Inklusion versuchen, die sich weder in die komplexe Interessenlage Behinderter versetzen können noch die nötigen Philosophie-Kenntnisse besitzen, um als TheoretikerInnen inklusiver Didaktik überzeugen zu können. Ein aktueller Beitrag auf der Internet-Seite der Hamburger Geschichtsdidaktik („Historisch denken lernen“) vom Mai 2017 gibt zu denken.

Sehr geehrter Herr Prof. Körber,

leider komme ich nicht umhin, auf latent behindertenfeindliche Implikationen Ihrer Ausführungen zur Inklusiven Didaktik hinzuweisen.

Sie sind offensichtlich nicht in der Lage, die Vielschichtigkeit des Behinderungsbegriffs zu reflektieren. Faktisch entziehen Sie mit Ihrem Ansatz „Behinderten“ ihre besondere Schutzbedürftigkeit und verlagern die Aufmerksamkeit der Didaktik auf deren Kosten zugunsten der nicht behinderten „Mitte“.  ….

Zu denken gibt auch, dass Sie „Behinderung“ einerseits als Klassifizierung ablehnen, als Ersatz aber ein wesentlich ausdifferenzierteres Klassifizierungssystem anbieten, das Menschen keine Schutzwürdigkeit, dafür aber niedrige Kompetenzen bescheinigt. Was ist denn nun stigmatisierender? Wenn man sagt „Dieser Mensch leidet an einer Behinderung und verdient deshalb Kompensation“ oder wenn man sagt „Er hat die Sprachkompetenz Null, und das sehen wir ganz wertfrei?!“ – Denken Sie doch einmal an Legastheniker – deren Sonderstatus wird in Ihrem System aufgekündigt.

Auch sonst wird an einigen Punkten deutlich, dass Sie die inklusiven Ziele, die Sie erreichen wollen (das nehme ich Ihnen persönlich ja ab), unterschwellig konterkarieren, weil Sie die Dinge nicht zu Ende denken, wie es ja leider zentrale Methodik an Ihrer Fakultät immer wieder ist.

Und was meinen Sie eigentlich mit „Liebesbedürftigkeit“? Die Tatzen von Stinkaffe, die falsche Offenheit von Karate-Kid Turnvater Tiedi? — Oder ist „Liebesbedürftigkeit“ ein impliziter, dezent hingegackerter Vorwurf an Leute, die Ihrer Diagnose nach „nicht geliebt“ wurden und deshalb von vielen VertreterInnen des rechten Flügels der Frankfurter Schule (Frankofaschisten) doppelt bestraft werden?

Überhaupt: Manchmal habe ich ja den Eindruck, Sie redeten zwar in höchsten Tönen von „LBQT-Perspektiven“, als sei das für Sie das Alleralltäglichste, machten hinter vorgehaltener Hand dann aber doch wieder schlüpfige Witze. Wie immer dem auch sei – als Vertreterin von Inklusion ist Ihre Fakultät jedenfalls viel zu ökofaschistisch, und als Vertreterin von Bildung zu unintellektuell.

Clou am Rande: Falls Sie „Inklusion“ derart radikal definieren sollten, dass nicht nur der gemeinsame Klassenraum und das gemeinsame Rahmenthema, sondern auch der konkrete Arbeitsprozess und jeder denkbare Aspekt gemeinsam sein sollen, dann betreiben sie einerseits Fachzerstörung unter dem Deckmäntelchen der Inklusion, fahren die Inklusion aber politisch an die Wand, weil dann ja das Vorurteil bestätigt wurde, Inklusion bedeute Niveauverfall.

Auch stellt sich die Frage, ob nun ausgerechnet eine tiefe Gemeinsamkeit beim Bearbeiten einer Aufgabe diejenige Art von Gemeinsamkeit ist, die sich InklusionsschülerInnen wünschen. Sie übersehen dabei, dass die von Ihnen so gerne bemühten Modelle von Segregation, Integration, Inklusion (Ihre geheime Vorliebe für Philosophisches!) nur Idealtypen darstellen, die auch in einer inklusiven Schule nebeneinanderbestehen: Nachmittags oder auf dem Schulhof z.B. gilt auch dann keine „Inklusion“ usw. — Es bringt also nichts, die Inklusionsforderung an der einen Stelle unnötig zu radikalisieren (s.o.), um sie dann an anderen Stellen auszublenden und sie insgesamt an die Wand zu fahren.

Dies als Wort zum Sonntag.

Mit freundlichen Grüßen

M.B.

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