Erst Hausaufgaben, dann Filmabend! Antifaschismus ist kein Werbebutton!

Das merkwürdige Schwanken der GEW zwischen Über- und Unterhistorisierung im Denken und Handeln zeigt sich immer wieder auch beim Umgang mit dem Thema Antifaschismus. Aus aktuellem Anlass eine Mail an den bekannten Historiker Hannes Heer (Wehrmachtsausstellung), mit dessen aktueller Veranstaltungsreihe sich die GEW Hamburg schmückt.

 

Sehr geehrter Herr Heer,

in der aktuellen hlz wird eine Veranstaltungsreihe von Ihnen („Der Skandal als vorlauter Bote“) zum Thema „NS“ beworben, wobei auch das GEW-Logo im Flyer zu finden ist, auch wenn die GEW nicht explizit als Kooperationspartner genannt wird. Gegen die Veranstaltung sage ich nichts, empfinde die Mitwirkung der GEW aber als scheinheiligen Werbeeffekt.

 

Meine Kritikpunkte:

a) Die GEW beteiligt sich bildungspolitisch aktiv an der Chaotisierung und Zerstörung historischen Wissens im Rahmen einer didaktischen Postmoderne. Sie unterstützt die herrschenden, naiv-neoliberalen Ansätze der herrschenden Didaktik, die auf eine völlige Subjektivierung und Auflösung von Sinn- und Sachstrukturen, darunter auch historischer Kontexte, hinauslaufen (s. insbes. Kap. 4.1. meines beigefügten Buchs: „Politische Denkstrukturen zwischen Dogmatismus und Leere“

b) Die GEW beteiligt sich aktiv an der beruflichen Ausgrenzung und tendenziellen Delegitimierung prekärer und unabhängiger HistorikerInnen. Wie auch alle anderen Nicht-Lehramts-GeisteswissenschaftlerInnen werden diese von der GEW allenfalls akzeptiert, wenn sie ihre Erkenntnisse unmittelbar taktisch verwerten oder sich mit ihnen schmücken kann (s. insbes. Kap. 4.4.). Wo das nicht der Fall ist, wird gerne auch auf eine Weise zergackert und geätzt, die dem irrationalen gegnerischen Umgang mit den 2-20 problematisch zugeordneten Fotos in Ihrer Ausstellung vergleichbar ist (Vorwand – Gacker – Kloppe).

c) Viele Ansätze der herrschenden Didaktik können in das führen, was ich einen Öko- und Zentrifugalfaschismus nenne (s. Kap. 4.3.2., 4.6.). Diese Verbindungen haben – neben einer systematischen – auch eine historische Grundlage in der Lebensreformbewegung, dem Künstertum Hitlers, Teilen der Reformpädagogik und teilweise auch im Dreieck Schopenhauer-Nietzsche-Freud (s. Kap. 4.6.). Diese Themen kommen zu selten auf die Tagesordnung; vielleicht wird sich die Peter-Petersen-Diskussion in diese Richtung entwickeln. – Dies nicht als Kritik an Ihrer Themenwahl, sondern als Ergänzung. Allerdings sei gesagt: Ich habe die GEW mehrmals auf diese und andere problematische Aspekte ihres Denkens hingewiesen – Schweigen im Walde und Mobbing waren die einzigen Antworten.

d) Der „revolutionäre“ Umgang von verbeamteten GEW-LehrerInnen mit prekären, leichtbehinderten und/oder aneckenden GeisteswissenschaftlerInnen nimmt im Alltagsbetrieb immer wieder Formen an, die man durchaus als strukturellen Antisemitismus im soziologischen Sinne deuten könnte. – Ein etwas anders gelagertes Beispiel finden Sie auch in der aktuellen hlz, wo die (linke) Kritik an den Gymnasialempfehlungen mal wieder zum (tendenziell wahnhaften) Abwatschen der – zum Klischee verzerrten, zum Eintopf verkochten – intellektuelleren und/ oder bürgerlicheren SchülerInnen missbraucht wird. Hier scheint immer wieder eine Pogrom-Logik auf, die so unter Beamten und Linken sonst kaum zu finden sein dürfte. Die Kritik an vorschnellen Kompetenzzuweisungen durch GrundschullehrerInnen (für die man trotz dieser beklagten Fehlleistungen eine Aufwertung nach A13 fordert!) wird zur Delegitimierung geisteswissenschaftlicher Kompetenzen überdreht. Aus dem Ziel „Gemeinschaftsschule“ wird das Ziel „Kloppe für lesende Klosterschüler u.v.a.“ (s.a. Kap. 4.3.3.) – eine Überdrehung und ein Missbrauch einer linken Forderung.

 

Kein Kritikpunkt, aber eine Anmerkung:

Ihre Themenauswahl spiegelt noch sehr stark die Frontlinien der „alten Bundesrepublik“, die angesichts der Wehrmachtsausstellung 1999 vielleicht ein letztes Mal hochgekocht sind. Teilweise hat sich die erinnerungspolitische Gesamtlage sicherlich verschoben, und man sollte auch offen für neue Aspekte sein, wie z.B. den Zusammenhang Gesundheitskult – Ästhetizismus – Öko- und Zentrifugalfaschismus bzw. revolutionäre Zertrümmerungsbeamte (s.o., s. Kap. 4.3.2., 4.4., 4.6.).

Dies versteht sich nicht als Kritik an Ihnen, doch ermöglichen Sie der GEW hier spannende Filmabende, bei denen Gut und Böse schon feststehen und bei denen das Publikum die Erkenntnisse bereits teilt und anerkennt. Ich finde, das hat die GEW nicht verdient; da soll sie erstmal Hausaufgaben machen, vor der eigenen Tür kehren und ihre Suppe essen.  …

 

 

 

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