„Change“ und Dynamik als Selbstzweck: Ein postmodernes Dogma. Mail an die hlz.

Obwohl sich die „Totalitäre Postmoderne“ für ideologiefrei hält, predigt sie Dogmen – ohne es so recht zu merken und oft auch eher am Rande. Das zeigt auch die Hamburger Lehrerzeitung in ihrer Dezember-Ausgabe (Autor: J.G.), wenn sie sich dem – sonst so verschmähten – Gebiet der klassischen Philosophie gleich zweimal zuwendet. Beim ersten Mal verabsolutiert sie das Prinzip der Veränderung, des Dauer-Change, das angeblich „alle“ Philosophen gelehrt hätten, beim zweiten Mal käut sie die Reduzierung Kants auf das – aus dem historischen Kontext gerissene und postmodern missbrauchte – Schlagwort vom „Selberdenken“ wieder.

Philosophieverachtung und Philosophiemissbrauch bei gleichzeitiger Überdogmatisierung (Überphilosophierung) des eigenen Denkens im Sinne eines postmodernen Dogmas von Dynamik und Atomismus – und das aus dem Munde einer angeblich „linken“, angeblich „bildungsorientierten“ Beamtengewerkschaft. Da haben Leute die kulturelle Grammatik verloren…

Nun die Mail (Dez. 2015) an den zuständigen hlz-Redakteur:

„…in der neuen hlz machst Du ja zwei Ausflüge in die Philosophie, die Gegenstand meiner heutigen Mail sein sollen:

1.) Du schreibst: „Wir werden uns nicht verändern … (Das) widerspricht allem, was die Philosophen dieser Welt in der Gegenwart wie in der Vergangenheit resümiert haben. Von `alles fließt` bis zu: ´das Einzige, was bleibt, ist die Veränderung`… oder um es mit Bob Dylan zu sagen: The Times They Are A- Changin`.“ (S. 3)

Wenn man diese Textstelle mal „überbewertet“, könnte man jetzt von „Totalitärer Postmoderne“ sprechen, weil Du alle nicht-dynamischen (nicht veränderungsorientierten) Philosophen (und das sind fast alle irgendwie!) ausblendest. Und weil Du – so gesehen – irgendwie fast alle Philosophen ausblendest, könnte man hier auch wieder die Folgen einer Nichtvermittlung von Philosophie anprangern – dargetan am Beispiel eines Vertreters der LehrerInnenschaft.

Man muss da gar nicht mal mit Platon mit seinen „ewigen Ideen“ kommen oder mit Kant und seiner schlechthinnigen menschlichen Vernunft (dazu unten noch etwas).

Schau mal, auch der von Dir bemühte Heraklit wollte ja etwas Ewiges und Absolutes aussagen, als er formulierte: „Alles fließt“ – oder auch: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ (dazu später mehr). Und es wird heute noch zitiert und immer wieder – wie in Deinem Falle – auch noch zur Ideologie hochgekocht. – Und auch Marx, der Veränderungs- und Revolutionsphilosoph, war der Meinung, aus ewigen Daseinsgesetzen (DiaMat) eine grundlegende, jahrhunderteübergreifende Geschichtstheorie (HistoMat) geschaffen zu haben.

Es ging den Philosophen also meist irgendwie ums „Ewige“, und deshalb sind diese Theorien ja auch so überzogen und können nicht 1:1 gelehrt und geglaubt werden – sonst droht schnell mal „Überdogmatisierung“ (wie in Deinem Fall), geboren aus „Unterdogmatisierung“ (im Sinne mangelnden Philosophie-Bewusstseins).

Insofern mal wieder eine Bestätigung meiner Philo-Didaktik.

Aber ich lasse das mal, weil dieser Punkt im KONTEXT Deines Artikels nicht so wichtig ist. Du hättest ja auch „widerspricht vielem, was“ schreiben können – und dann hätte es gepasst, weil sich auch einige der „ewigkeitsorientierten Theorien“ um Veränderung drehen (s.o.). Und als Kommentar zu Hollande ist es ja auch o.k. und eine geistreiche argumentative Untermalung.

INHALTLICH finde ich diese Theorie allerdings nicht unproblematisch – es gibt da ein Stück von F. J. Degenhardt, in dem er sich ablehnend mit Biermanns Motto „Nur wer sich verändert, bleibt sich treu“ auseinandersetzt. Das Stück stammt aus den frühen 90ern, in denen die – heute zum Dogma gewordene – „kultur-neoliberale“ Ideologie von der Oppositions- zur Herrschaftsideologie wurde (Flexibilität u.v.a.m.). Auch hier ein Beispiel für den „cultural lag“ im Schulbereich, wenn Du für neu und innovativ hältst, was das vor 20 Jahren war. Auch diese historische Zeitverzögerung ermöglicht es Euch übrigens, den Spagat zwischen revolutionärer Rhetorik und praktischem Herrschaftshandeln zu schaffen.

Und ewige Veränderung bedeutet ebne irgendwie auch ewigen Kampf , wie schon Heraklit wusste (s.o.). Dynamismus kann emanzipatorisch , aber auch aggressiv sein.

Als Ideologie einer Beamtengewerkschaft eignet sich dieser Dynamismus ebensowenig wie zur Verteidigung des Sozialstaats. Und schau mal, Joachim: Euer „Veränderungsdynamismus“ ist ausgesprochen selektiv, in den meisten Punkten seid Ihr eher strukturkonservativ, auch wenn Ihr dies nicht so sehr thematisiert, weil man die bereits vorhandenen Strukturen und Privilegien nicht so deutlich einfordern muss wie Veränderungen.

Insofern „ankert“ Ihr im Fluss und ruft den vorbeitreibenden Leichenteilen zu: „Ist das nicht doll? Alles fließt! … Und jedesmal wenn ich plantsche, ist es ein ganz anderer Fluss – überhaupt nicht wiederzuerkennen und auch ontologisch keinesfalls identisch! Faszinierend! Und da, am Ufer! Ein Reh! Ändert konstant seine Position! Ja, ja, nur die Änderung ist konstant; von hier aus kann ich das seit Jahren beobachten.. Ooooooo, ein zerfetztes Käsehuhn treibt vorbei. Ja, ja der Kampf, sach ich immer. Möge der Bessere… Und da! Schon wieder fließt der Fluss in seinem nimmermüden Wollen!“

Also: Als Ideologie (im positiven Sinne des Worts) eignet sich dieser Veränderungsdogmatismus nicht. Und besonders originell ist er auch nicht – wenn z.B. Unternehmens- und Kommunikationsberater (wie geschehen) eine Tagung zu „The only constant is change“ machen, werden sie das auch irgendwann mal „changen“ müssen.

Und in der Bürowelt , Joachim, und ganz allgemein in der Arbeitswelt – insbes. außerhalb des Beamtentums – ist „change management“ eher ein Drohbegriff und zutiefst neoliberal.

2.) Zum Schluss überrascht dann das eingerückte Kant-Original (S. 65). Schau mal, Kant konnte an das „Selberdenken“ ja nur deshalb glauben, weil er überzeugt war, so etwas wie allgemeine Moralitätsgrundsätze entdeckt zu haben (Kategorischer Imperativ), die in jedem Menschen schlummern und die man auch nicht predigen muss, weil sie jeder Mensch – bei „autonomem Gebrauch seiner Vernunft“ – schon selber finden würde. Sehr optimistisch, der liberale Glaube an den Selbstlauf der Dinge (Glaubst Du daran auch in Wirtschaftsfragen, Joachim?)!

Dieser Vernunftoptimismus darf sich heute nicht zum neuen Dogma entwickeln – zumal die aus dem „Kategorischen Imperativ“ ableitbaren konkreten Aussagen (bzw: die mit ihm zu vereinbarenden, so herum läuft es eher) auch viele thematische Felder nicht (eindeutig) abdecken, sodass dann doch wieder andere Instanzen hinzutreten müssen. „GEW“ ist mit Kant jedenfalls größtenteils nicht zu machen, Joachim…

Wie Du vielleicht weißt, überwiegt bei Kant (in der konkreten Ausgestaltung) der Rechtsstaat (inkl. Eigentumsschutz) ggü. dem Sozialstaat (Almosen sind moralisch zu begrüßen, aber freiwillig und noch nicht einmal in jedem Fall ethisch motiviert). Und im Strafrecht werden soziologisierende, „linke“ Argumentationen unter Verweis auf einen anderen Punkt der Kantschen Lehre (Willensfreiheit als Ausfluss einer Doppelnatur des Menschen als empirisch-körperlich und noumenales Wesen) zurückgewiesen.

Nun darfst Du natürlich einwenden, dass man Kant doch in linker Richtung weiterentwickeln könnte und dass viele seiner Aussagen zeitbedingt seien (Kein Wahlrecht für Frauenzimmer, Handlanger, Hauslehrer und Friseure!).

Zeitbedingt ist aber auch sein Vernunftoptimismus. Insofern sind Leute wie z.B. Tiedemann leider auch „unhistorisch“, wenn sie plötzlich an die Situation von 1784 anknüpfen, wo man eben noch sehr stark an vorgekaute Ideen glaubte (was Kant überwinden wollte), während man heute keine eigenen Ideen mehr hat, weil man es unterließ, die vorgekauten zunächst einmal wiederzukäuen…

Und deshalb nervt es auch so, Joachim, wenn sich die „Selberdenker“-Fraktion in der Philo-Didaktik immer wieder gebetsmühlenartig auf diesen EINEN, angeblich so schlüsselhaften, im Grunde aber (innerhalb des Kantschen Gedankengebäudes) banalen Textausschnitt stützt, dessen Anfang wir in der Schule (HH, 1993) übrigens mal auswendiglernen mussten.

Wie Du vielleicht jetzt ahnst, enstpricht vieles von dem, was Kant gedacht hat (gerade in ethischen und politischen Fragen) keineswegs dem, was heute bei einem „Selberdenken“ (gerade von Jugendlichen, aber auch von Linken) herauskommen würde. – Und dieses Missverständnis Kants ist auch deshalb möglich, weil sich die meisten Didaktiker um „Kant als Unterrichtsthema“ nicht genug kümmern (übrigens blieb es schon 1993 beim reinen Propagieren des „mündigen Denkens“ an sich.)

Nun sagt das ja nichts gegen Deine Texte, die sich um andere Themen drehen. Vielleicht soll der – etwas üppig geratene und für die hlz nun absolut untypische – Kant-Verweis ja auch ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, sich „seinen Teil zu denken“ bei Deinem Text…

Wie dem auch sei: Es ist ein schönes Stilmittel, Texte philosophisch anzureichern ; aber ich finde, man sieht auch die Schwierigkeiten, die Ihr beim Gebrauch der Philosophie habt.

Von daher erneut die Einladung an Dich, in Ideologie- und Philosophie-Fragen auch mal auf neue Ansätze zu setzen, idealerweise aus meiner Feder. Ein bisschen weht ja der „wind of change“ in der aktuellen hlz , und zu einigen Punkten werde ich noch etwas schreiben.

Weihnachtliche Grüße
MB“

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