Zwischen Bildungshype und Bildungshass: Zur ideologischen Struktur der GEW

 

An dieser Stelle sollen Texte veröffentlicht werden, die sich mit der ideologischen Struktur der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auseinandersetzen. Es handelt sich dabei teilweise um Briefe (Mails) an GEW-Funktionäre. – Die GEW hat schon seit einigen Jahren eine Meisterschaft darin entwickelt, die Ideologie der „Totalitären Postmoderne“ mit altlinker  Rhetorik einerseits und standes- und privilegienbewusstester Beamtengesinnung andererseits zu verbinden. – Gleichzeitig geht sie immer offensiver zum offenen Terror gegen das gehasst-geliebte „Bildungsbürgertum“ über, dessen Privilegien sie für sich selber umso penetranter einfordert. – Die Verbindung von Revolutionsrhetorik und Beamtenmacht ermöglicht einen Typus des „postmodernen Zertrümmerungsbeamten“, der Willkür im Denken mit Staatsgewalt verbindet und eine Logik des Intellektuellenpogroms erzeugt. – Sicherlich sind diese Gefahren nur eine Extremform der ideologischen Misere, für die die GEW steht. Alltagsprägender sind die unausgegorenen Konzepte, der destruktive Umgang mit den Geistes- und Sozialwissenschaften, die naiv-pseudokritische Rhetorik, die unterschwellige Arbeiterfeindlichkeit, das verlogene Verhältnis zum DGB, die „reduzierte Rationalität“ und die allgemeine Dauerdürftigkeit in Denken und Handeln.

Verzeichnis der Texte und Textfarben

1.) Allgemeine Konfliktlinien GEW/ Wissenschaft. Brief an den GEW-Hochschulexperten Dr. Andreas Keller, in dem stichpunktartig einige Konfliktlinien zwischen den Interessen der Wissenschaften und Positionen (Realitäten) der GEW und der von ihr dominierten Bildungsbereiche aufgezeigt werden (Dezember 2015).

2.) Fehldosierungen an Soziologismus.Brief an den hlz-Redakteuer Joachim Geffers über das merkwürdige Verhältnis der GEW zum soziologischen Denken (Dezember 2015).

3.) Der Konflikt GEW/ Buchkultur als „Aufstand gegen die Wahrheit“. Brief an hlz-Redakteure über Ursachen der Entfremdung zwischen GEW und Geisteswissenschaften und den zunehmenden Bücherhass der vorherrschenden Pädagogik (Januar 2016).

4.) Die Instrumentalisierung der „Herkunftsabhängigkeit“ zur Drangsalierung der Intellektuellen. Brief an hlz-Redakteure über Fehlwahrnehmungen und Fehlschlüsse im Zusammenhang mit der Debatte um „Herkunftsabhängigkeit“, die – was oft verdrängt wird – auch an der wissenschaftsfernen Schuldidaktik liegt (Januar 2016).

5.) GEW und „Die Linke“ – eine fragwürdige Nähe (Feb. 2016) Selbstverständlich  rot.

6.) Die GEW frisst ihre Kinder. Kinder von GEW-LehrerInnen als implizite Opfer der naiven GEW-Variante von Bildungssoziologie. Brief an den hlz-Redakteur J. Geffers (März 2016).

7.) Auch GEW-Lehrer können pöbeln: Hassmail eines GEW-Lehrers

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1.) Allgemeine Konfliktlinien GEW/ Wissenschaft. Brief an Andreas Keller (Dez. 2015).

Sehr geehrter Herr Keller,

vielleicht sollte sich die GEW einmal sehr grundsätzlich überlegen, wie sie es eigentlich halten will mit der Wissenschaft, die sie ja im Namen führt.

Ich sehe folgende Reibungspunkte:

a) Vorstellbarkeit / Wissenschaftsbegriff
Die GEW kümmert sich zu wenig um Wissenschaftspropädeutik und setzt ihre thematischen Schwerpunkte zu sehr in der Grund- und Mittelstufe. Sie vertritt zu einseitig einen LehrerInnentypus, der in einer habituellen Distanz zur Wissenschaft steht und dessen Interesse an den Unterrichtsfächern nur sekundär ist gegenüber dem Berufswunsch „Lehrer an sich“. Im Ergebnis entsteht eine kognitive Kluft zwischen Schule und Uni, die einerseits das Ziel einer Massenakademisierung (im Ergebnis!) erschwert, andererseits aber auch die Wissenschaft in eine kognitive Isolation führt.

Neuere, auch von der GEW vertretene Konzepte (wie z.B. die dogmatisch-naiv durchgepeitschte „Kompetenzpädagogik“) laufen auf einen immer wissenschaftsferneren Unterricht hinaus und sind fast schon ein Frontalangriff auf die einschlägigen Uni-Fächer, insbes. übrigens die Geistes- und Sozialwissenschaften. Statt sich um ECHTE Vereinfachung und Popularisierung zu bemühen, verschiebt die GEW die Wissenschaften immer mehr hinter einen „Eisernen Vorhang der Unvorstellbarkeit“.

Jede Kritik wird abgewimmelt. Didaktiker und Bildungstheoretiker rekrutieren sich einseitig aus den – lebensstilmäßig angepassteren, wissenschaftlich nicht so interessierten – Leuten, die mit 20 schon LehrerIn werden wollten. Auch daraus entsteht der Denkstil des „autoritären Irrationalismus“ – diese Mischung aus Über- und Unteranpassung, aus Biedersinn und anti-intellektueller Rabauken- und Lästerhuhnkultur.

b) Unterschwellige Vernichtungsbedürfnisse
Es gibt immer wieder Artikel und Karikaturen in der E&W, die ein allzu verzerrtes Bild von den verfemten Institutionen des Bildungsbürgertums zeichnen und interne Differenzierungen überhaupt nicht sehen. Ein Hang zur Kriminalisierung der LeistungsträgerInnen, zum Missbrauch als Projektionsfläche und „Sündenbock“, scheint immer wieder auf. „Stumme“, hingeraunte Vorwürfe.

Dass „Herkunftsabhängigkeit“ ohnehin genauer aufgeschlüsselt werden müsste und – gerade in ihrer deutschen Form – dem Leistungsprinzip nicht entgegensteht und an den – von den bereits Etablierten – erbrachten Leistungen nichts ändert, schon gar nicht in der Substanz – das übersieht die GEW regelmäßig.

Der wahnhafte, auf mehrfache Weise irrationale und unrealistische Delegitimierungsversuch gegenüber den Geisteswissenschaften, wie er unter Ausschlachtung der Schavan-Affäre immer wieder unternommen wurde, ist leider auch von der E&W aufgegriffen und fast schon ins Terroristische gesteigert worden. Diese Delegitimierungsversuche wären doch gerade ein Thema für eine Gewerkschaft, die so sehr auf formale Bildung und öffentlich-staatliche Wissenschaft setzt – beides ist auf Legitimität angewiesen, die man sich nicht leichtfertig entziehen lassen kann. Doch was tut die GEW? Beteiligt sich an der raunenden, stammelnden Delegitimierung der (Geistes-)wissenschaften!

Letzten Endes bricht nun der Gegensatz Schule/ Uni auf, und viele Ressentiments kochen hoch; leider wird auch ein gewisser Vernichtungsimpuls immer wieder deutlich, der sich ursprünglich gegen die Schulform Gymnasium richtete und nun alles irgendwie Altmodische, Intellektuelle, Bildungsbürgerliche usw. ins Schussfeld nimmt. Ich halte das für gefährlich und glaube nicht, dass die GEW diese Themen aus eigener Kraft durchschauen und aufarbeiten kann – auch aus genereller Theorieschwäche.

c) Ständisches LehrerInnenbewusstsein
Im schreiendsten Gegensatz zu den überzogenen, ins Terroristische abgleitenden Delegitimierungsbemühungen gegenüber den (Geistes-)wissenschaften, wie sie unter b) geschildert wurden, steht das ständische Beharren auf dem Zweiten Staatsexamen und der Verbeamtung als zentralem Kriterium für Tätigkeiten in der Schule. Für eine solche Monopolpolitik gibt es keinen rationalen Grund; sie ist ein Relikt des sonst so verhassten „19. Jahrhunderts“. Durch diese Monopolpolitik schwächt die GEW die Absolventen wissenschaftsorientierter Studiengänge, deren „Quereinsteigertum“ sie blockiert.

Außerdem müsste die GEW bei Beharren auf der Monopolpolitik dafür offen sein, dass sich Lehrkräfte dann transparenter präsentieren müssen im Hinblick auf die individuelle Qualifikation (Einsehbarkeit von Staatsexamensarbeiten) und die individuellen Konzepte und Herangehensweisen.

Kurzum: Die GEW wird in einigen Aspekten eher zum Problem für den Wissenschaftsbereich.

Da kann man nur hoffen, dass im neuen Jahr alles sofort komplett umgeändert wird bei der GEW und man schon im Januar mit völlig anderen Konzepten an die Öffentlichkeit tritt. Ich bin da optimistisch!

Mit weihnachtlichen Grüßen
Matthias Bublitz, Hamburg-Harburg

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2.) Fehldosierungen an Soziologismus. Aus einem Brief an Joachim Geffers (Dez. 2015).

 … Als letzten weihnachtlichen Kommentar zum jüngeren GEW-Schrifttum eine Bemerkung zur Fehldosierung von Soziologie-Bezügen:

Einerseits macht Ihr den (verteilungs- und herkunfts-)soziologischen Blick zum zentralen, zwingenden, zweckeüberlagernden Zugang zum Zukunftsthema Bildung. Demgegenüber verschwimmen Inhalte und Individuen; es ist alles irgendwie immer Produkt eines Klassenkampfs – wobei übersehen wird, dass sich Ideen, Gedanken und auch Deutungshoheiten nicht so bewirtschaften lassen wie materielle Güter – man inszeniert einen Kampf „Bildung als Ware vs. Bildung als Allgemeingut“, ohne zu sehen, dass der Handels- bzw. Zuteilungsaspekt nur einer von vielen Aspekten der Bildung ist.

Es wird auch nicht gesehen, dass aus der bloßen Feststellung von Ungleichheiten keinerlei NORMATIVES (politisches) Argument für ihre Überwindung folgt, schon gar nicht im Neoliberalismus, schon gar nicht beim Vorherrschen skeptizistischen Denkens (das Eure Gerechtigkeitsvorstellungen als interessiertes Konstrukt abtun würde). Dass Ihr diesen „missing link“ in Eurer Gerechtigkeitstheorie nicht seht, dass Ihr Euch keine Mühe gebt, ihn zu reflektieren und zu suchen, liegt an Eurem Glauben an den Automatismus soziologischer Normativität – ein Relikt aus den klassisch-linken Zeiten der GEW, wie Du sie noch verkörperst, der Nachwuchs aber nicht mehr. Und das hängt mit dem anderen Aspekt Eurer Soziologie-Fehldosierung zusammen:

Denn – andererseits – tut Ihr alles, um die logischen Grundlagen des soziologischen Denkens zu schwächen – durch eine Didaktik, die sich – wie Lisa Rosa ja ganz offen ausspricht – vom Gesellschaftlichen emanzipiert und den Gesellschaftsbezug ganz offensiv dem rein subjektiven Geschmack überlässt, und zwar schon bei der Herausbildung eines grundlegenden individuellen politischen Orientierungssystems. Ihr schwächt die Kategorie „Gesellschaft“ also ganz konkret in der Gesellschaftskunde, und macht es Euch selber damit schwerer, im öffentlichen Diskurs auf gesellschaftliche Argumente zurückzugreifen. – Darüberhinaus schwächt Ihr auch all die Grundlagen, die der „Glaube“ an die Kategorie der Gesellschaft haben könnte, u.a. auch den Glauben an eine gewisse objektivierbare Erkenn- und Beschreibbarkeit von Gesellschaftlichem.

Und wenn Ihr z.B. Baron „Moral“ als NS-typische Denkform kennzeichnen lasst (ein historiographischer Fehler) und Ihr sie – so muss man es verstehen – überwinden wollt, negiert Ihr die Grundlagen Eurer Appelle an soziale Gerechtigkeit.

Diese Fehldosierungen an Soziologismus haben auch Folgen für Euer – viel zu grobschlächtiges und schemenhaftes – Gesellschaftsbild, das dann witzigerweise aber viel zu kreativ-willkürlich-unschematisch auf die Zuordnung konkreter Ansätze und Personen angewendet wird. Auf diese Weise entsteht auch Euer falsches Selbstbild von Euch als „Revolutionären“, das sich die GEW – als Zugabe zur Mitgliedschaft – von Euch – als Werbeabteilung – schaffen lässt.

Eine Bedingung der Möglichkeit, dass Euch solche Fehldosierungen unterlaufen, liegt übrigens auch im Fehlen einer theoretischen Meta-Reflexion Eurer Argumente (die übrigens auch ohne Fremdwörter machbar wäre), und dieses Fehlen wiederum wird auch durch die Negierung einer strukturierenden geistigen Ebene durch die Philosophie-Didaktik erzeugt. Lehrer sind eben – bei aller Zeitversetztheit – immer selber auch Produkte des Schulunterrichts, und in der Philosophie-Verweigerung seid Ihr Euch ja – wie auch bei der steuerlich absetzbaren Badewanne – mit Prof. Unrat einig. – Auch hier also wieder ein Argument für meine Ansätze in der Philo-Didaktik…

Na ja, Du siehst schon, begeistert bin ich nicht gerade von Euren Zugangsweisen. Ich lasse es für Weihnachten bei dieser Mail bewenden und warte auf Dein Gesprächsangebot.

Viele Grüße
MB

Als Ergänzung noch eine Mail (Auszug)  an die hlz angesichts ihres Umgangs mit den Terroranschlägen von Paris (hlz 12/ 2015). Während diese im Vorwort klassisch-soziologistisch interpretiert werden, dominiert in der Dokumentation einer SchülerInnen-Diskussion zum Thema bereits der rein subjektivistisch-antisoziologische Zugang, wie er sich auch aus der herrschenden Didaktik des totalen Subjektivismus ergibt. Die Ersetzung der Sozialwissenschaften durch reine Präsentationsschulung und Kunst wird dort einmal mehr deutlich.

… Bei Eurem Umgang mit den Terroranschlägen von Paris Du sieht man einen Widerspruch zwischen der publizistischen und der didaktischen Aufbereitung, aus dem sich ableiten lässt, dass Ihr Euch die eigenen kognitiven Grundlagen entzieht: Im Vorwort gehst Du ja auf „Paris“ ein und schlägst dann – wie sollte es anders sein – den Bogen zur sozialen Spaltung und zum Zwei-Säulen-Modell. Nun könnte man fragen, ob Frankreich nicht (jedenfalls auf dem Papier) bereits eine Gemeinschaftsschule habe (soziale Spaltung dann durch räumliche Lage und verschiedene Fachprofile) und ob es nicht etwas taktlos sei, auch aus dem Terror-Anschlag gleich wieder Kapital schlagen zu wollen. Und ob Mohammed Atta (unter dessen Kumpanen ich im Wohnheim Harburg gelebt habe) nicht gerade dem Bürgertum entstammte und als frischgebackener Dipl.-Ing. Stadtplanung zu den „Bildungsgewinnern“ gehörte.

Aber lassen wir das mal. Deine Argumentation ist im Kern ja berechtigt. Aber warum ist das so? Weil Du – als soziologisch Denkender – hinter dem politisch-religiösen Konflikt einen sozialen Konflikt vermutest. Du wendest hier das – von Marx in die offizielle Kultur eingeführte – materialistische Gesellschaftsbild an, wonach hinter dem vermeintlichen (ideellen) Religionskonflikt in Wahrheit ein (sozialer) Klassenkonflikt steht, wobei Du den materiellen Aspekt um „immaterielle Ungleichheit“ erweiterst, was auch nötig ist, um den Bogen zur Schulfrage (Schule ist ja eher „immateriell“) schlagen zu können. Kurzum: Du wendest ein klassisches, aus dem 19.Jh. stammendes Deutungsmuster an – schon das ein Zeichen, dass das 19.Jh. (wie auch die 1970er Jahre) eine Zeit war, die bis heute prägt, weil hier klassische Muster vorgeprägt wurden.

Und nun VERGLEICHE Deine – klassisch-traditionelle – Position einmal mit dem, was die SchülerInnen in dem dokumentierten Gespräch über „Paris“ sagen: Geht es dort um die „Rolle von Religion“? Geht es um den „Kampf der Kulturen?“ Geht es – in Deinem Sinne – um „soziale Spaltung“? – Nein, der Zugang zum Thema erfolgt (getreu der Ideologie Lisa Rosas) rein subjektivistisch, rein emotional und über die KUNST! Er erfolgt nicht über eine REALISTISCHE und/oder politische Diskussion! Im Grunde wird eine solche Diskussion (ähnlich wie in der Philo-Didaktik) nur imitiert; es geht NUR UM DIE ÄUSSERE FORM einer Diskussion. Geltungs- und Deutungsansprüche werden nicht erhoben; dementsprechend VERZICHTEN die SchülerInnen gerade auf ein objektivierendes Urteil.

Nun kann man das den betreffenden SchülerInnen und LehrerInnen ja konkret nicht vorwerfen. Aber die politischen Spannungen, die in Schulen mit höherem Migrantenanteil entstehen können, lassen sich so auf Dauer nicht einfangen. Und – GANZ ENTSCHEIDEND: Ihr beerdigt und zerstört selber die klassizistisch-soziologische Denkweise, die Du selber im Vorwort predigst und die auch Grundlage Eures allgemeinen Denkens ist.

Dir muss doch klar sein, dass SchülerInnen, die IMMER NUR SO diskutieren, als Studierende und Erwachsene überhaupt nicht mehr für soziologische Interpretationen und Gerechtigkeitsdebatten ansprechbar sind!

Man merkt, dass den SchülerInnen die Begriffe und Kategorien fehlen, um auf „klassisch linke“ – oder auch nur: auf staatstragende, informierte, „seriöse“ – Weise über die Terroranschläge zu diskutieren. Und damit schmälern sich auch ihre Chancen auf eine ECHTE politische oder akademische Teilhabe.

Noch einmal: Es geht hier nicht um die konkrete Situation und die konkreten SchülerInnen, die tw. ja noch in der Mittelstufe sind. Aber VOM PRINZIP HER wird das übliche Übel klar: Ihr ZERSTÖRT die Grundlagen Eures eigenen Denkens, so wie Ihr ja auch die Grundlagen Eurer eigenen Legitimität zerstört, wenn Ihr Euch an der Verleumdungskampagne gegen AkademikerInnen beteiligt bzw. daraus Nutzen ziehen wollt.

Ihr versteht hoffentlich, warum ich Euch konzeptionelle Inkompetenz unterstelle. Ihr müsst – ich sagte es schon -, endlich mal akzeptieren, dass Ihr im Revier von Wissensgebieten wildert, die Ihr nur halb beherrscht. Wenn Ihr als LehrerInnen und „Bildungsexperten“ weiterhin akzeptiert werden wollt, müsst Ihr auch die Fachwissenschaftler akzeptieren!

Einfach mal drüber nachdenken.

Viele Grüße
MB

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3.) Der Konflikt GEW/ Buchkultur als „Aufstand gegen die Wahrheit“. Brief an Redakteure der hlz.

Lieber Joachim, liebe Christiane,

Ihr solltet Eure Haltung zur Buchkultur und zu den Geisteswissenschaften endlich mal durchdenken und explizit aussprechen. Ein bisschen habt Ihr das ja (auch ungewollt) getan – mit Ergebnissen, die Fragen aufwerfen. Jahrelang habt Ihr Euch davor gedrückt und den -heraufziehenden- Konflikt eher kaschiert. Das war auch deshalb möglich, weil die GEWler (nicht nur als Pädagogen) formell eher geistes- und sozialwissenschaftlich geprägt sind und die Buchkultur oft wie eine Monstranz vor sich her trugen und Bücher auch heute noch eine große Rolle in der Schule spielen.

Dennoch lief die Didaktik schon seit Jahren (z.B. in Philosophie) auf eine Verdrängung des Wissens, des Buchs und der großen Struktur zugunsten der Mündlichkeit, der Spontaneität und des Unstrukturiert-Subjektiven hinaus. Dabei entstand ein postmodern-neoliberaler Denktyp, wie ihn Lisa Rosa verkörpert und – mit emanzipatorischer Absicht – in die Bildung trug. Zusätzlich machte auch der „quantitative Bildungsmarxismus“, der eigentlich gerade der o.g. Wissens- und Objektivitätskultur entspringt, diese Buchkultur als angebliche „Kultur des Klassengegners“ zu seinem Feind, der deshalb zu bekämpfen sei . (Fehlschlüsse, aber lassen wir das mal an dieser Stelle).

Schließlich sanken auch die Kompetenzen der Lehrerschaft in puncto Geistes- und Sozialwissenschaften und auch in puncto Buchkultur. Hier spielen viele Aspekte eine Rolle, z.B. die höhere Bedeutung charismatisch-körperlicher Kriterien in der Fernsehgesellschaft (unterstützt durch einige reformpädagogische Diskurse), das Aufkommen konkurrierender Studiengänge, das intellektuelleren Nachwuchs aus dem Lehramt lenkte, und auch der zunehmende Anteil von Leuten in der Lehrerschaft, die selber Schulprobleme hatten und dabei zwischen Reform und Ressentiment nicht unterscheiden können und auf diese Weise destruktiv werden.

Im Ergebnis nehmt Ihr die Geisteswissenschaften und die Buchkultur zunehmend als Feinde wahr. Ihr drängt sie nicht nur aus der Schule (thematisch und personell), sondern Ihr macht sie zu politischen Gegnern, insbesondere wenn sie Euer – noch aus der Buchkultur stammendes – Berufs- und Mitredeprivileg beim Thema Schule in Frage stellen.

All das schuf die Grundlage, die Euch den Übergang in den terroristischen Bildungshass ermöglicht, in die klebrige Mischung aus Unverständnis, vorschnellen Theoriebildungen, Über- und Unterdogmatisierung, Bildungskriminalisierung und Willkür.

Letzten Endes ist Euer „Aufstand aus Herrscherpositionen“ heraus aber oft auch ein Aufstand gegen die Wahrheit. Denn das ist ja die Crux bei der Bildung, Joachim: Es geht dabei auch um den Glauben an Wahrheiten (in welcher Form und Intensität auch immer) und um den Bezug zu Wahrheiten; und man sieht es doch auch an Euren Gedankenführungen immer mal wieder, dass da „Luft nach oben“ ist. Ihr rebelliert gegen eine Theorie-Ebene, die Ihr nur unter Aufkündigung von Rationalität und eigener Wege beseitigen könnt. Auch daher der Trend zur lästernden, raunenden, andeutenden Feindseligkeit.

Die – autoritäre, willkürliche, gewaltsame – Aggressionspolitik gegen unabhängige Geisteswissenschaftler durch Horden-Beamte, der Durchbruch zum offenen Irrationalismus, zur offenen Verhöhnung ist der vorläufige Gipfel dieses Aufstands gegen die Wahrheit.

Diesen Aufstand könnt Ihr friedlich und rational nicht gewinnen, sondern nur auf Basis denkerischer Unfähigkeit und struktureller Gewalt.

Viele Grüße
MB

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4.) Die Instrumentalisierung der „Herkunftabhängigkeit“ zur Drangsalierung der Geisteswissenschaften. Brief an hlz-Redakteure.

Lieber Joachim, liebe Christiane,

über Euren Zeterpunkt „Herkunftsabhängigkeit“ können wir uns gerne auch mal in persönlicher Hinsicht austauschen. Ihr unterlasst es immer wieder, diesen – für Euch doch so wichtigen Punkt – einmal näher aufzudröseln und auch in eine Gerechtigkeitsdiskussion einzubauen; Ihr wollt nur Statistik-Werte und raunendes Anblaffen.

Letzten Endes liegt es auch an der Didaktik (Theorieferne, Nicht-Vermittlung von Orientierungswissen), dass die kritischen und geistigen und intellektuellen Fächer (inkl. Jura) in erster Linie von solchen Leuten ausgewählt bzw. erfolgreich absolviert werden, die aus einem bildungsnahen Hause kommen UND schon als Teenager intellektuelle Interessen hatten (was nicht allein durch Herkunft verursacht wird). „Bildungsfernere“ können diese Fächer nicht schätzen bzw. scheitern an einer schlechten schulischen Vorbildung. Insofern fällt der Vorwurf der Herkunftsabhängigkeit eher auf die Schuldidaktik zurück und nicht auf die von Euch so gehassten Intellektuellen und Theoretiker.

Die typischen Bildungsbürger, lieber Joachim, „pampern“ ihre Kinder übrigens gerade NICHT, helfen ihnen NICHT bei Hausaufgaben usw., sondern stellen sich bei Konflikten grundsätzlich auf Lehrerseite, bauen ihren Kindern zusätzliche Hürden, schaffen neue Bewährungsproben, sind auch nicht so verkrampft auf gute Noten bedacht wie viele „Aufsteiger“ und lehnen es auch ab, wenn man sich unbillige Vorteile verschaffen will, da es ja auch dem Selbstbild des Leistungsbürgertums widerspricht. Die typischen Bildungsbürger, Joachim, hängen übrigens oftmals auch gar nicht so dogmatisch am Gymnasium und an der Abgrenzung nach unten; das sind eher andere Kreise.

Diese Dinge, die Ihr als Bildungsexperten eigentlich sehen müsstet, kommen in Euren Analysen zu kurz.

Im Übrigen rekrutiert sich auch die studentische Linke oftmals aus Kindern des bei Euch so verhassten Bildungsbürgertums, während die Erstakademiker einer Familie immer wieder … Anpasser und Aufsteiger sind.

Auch deshalb müsstet Ihr das alles einmal etwas genauer durchdenken. Argumentative Niederlagen in einem offenen Diskurs sind für Euch auch da vorprogrammiert, wenn Ihr Eure Wahrnehmung und Eure Konzepte nicht verbessert.

MICH wirst Du jedenfalls nicht in die Rolle des reaktionären Besitzstandswahrers drängen können. Anders als Dir sind mir Rechtschreibung, Grammatik und Fremdsprachen zugeflogen (ohne jede Hilfe der Eltern), und für meine Polit-Interessen standen dann zu Hause Bücher (übrigens auch aus der DDR) bereit, die ich aber selber finden musste und aus denen ich selber meine Schlüsse ziehen musste.

Mit Eurer pauschalen Drangsalierung der Intellektuellen (die aus Eurer Schule eben nicht hervorgehen) trefft Ihr letzten Endes also gerade die kritischen Geister.

Es sind doch gerade Leute wie Martens, die Bildung von den „Massen“ fernhalten und sie mit blödem Gequatsche abspeisen wollen. Ihr treibt die Intellektuellen in die geistige Isolation, und werft Ihnen dann vor, dass sie so isoliert sind und in Eurer Bildung nicht vorkommen.

Die übliche Terror-Käsehuhn-Logik, kann ich da nur sagen.

Einfach mal drüber nachdenken.

Viele Grüße
MB

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5.) GEW und „Die Linke“ – Eine fragwürdige Nähe

Für viele in der Partei „Die Linke“ ist es selbstverständlich geworden, die Forderungen der GEW nahezu automatisch zu übernehmen. Das gilt vor allem für Hamburg, wo führende Köpfe der GEW, die zuvor in der SPD engagiert waren, zur „Linken“ übertraten, weil das Ziel „Gemeinschaftsschule“ von der SPD nur halbherzig bzw. gar nicht mehr verfolgt wird. In den übrigen politischen Fragen blieb man eher „sozialdemokratisch“, sodass gerade von diesen Bildungspolitikern eher ein gewisser „Rechtsruck“ innerhalb der Partei „Die Linke“ ausgeht. Denn wer gesellschaftliche Gleichheit (z.B. durch eine Annäherung der Löhne) durch das Ziel einer ominösen „Chancengleichheit“ ersetzt, reproduziert ja gerade das Aufstiegsdenken und den naiven Glauben an Schreibtischberufe. Schon deshalb – und nicht nur wegen des Beamtenstatus – ist die GEW ideologisch eher ein Fremdkörper innerhalb des DGB, weil sie von vornherein antiproletarisch und „aktivierend-aufstiegsorientiert“ denkt.

Diesen kleinbürgerlichen, Leistungs- und Aufstiegsdruck erzeugenden Charakter kaschiert die GEW durch demonstratives Herumgehacke auf Leuten, die sie zu Vertretern des „Bildungsbürgertums“ deklariert, dessen Rollen sie so gerne einnehmen würde. Auf diese Weise entsteht immer wieder das merkwürdige Bild des „revolutionären Beamten eines neoliberalen Staats“ – die Revolutionsrhetorik hilft dem Neoliberalismus, Leistungszwänge und neoliberale Reformen am Gedankenhaushalt als linke, revolutionäre Tat zu vermarkten. Und sie ermöglicht der GEW, Machtausübung und Kommunikationsverweigerung „revolutionär“ zu rechtfertigen, sich nicht an Formen und Regeln zu halten und immer wieder für 5 Minuten von kleinkarierten Bildungshubern mit Beamtenprivilegien zu „Mini-Guevaras“ zu werden.

Sicherlich gibt es viele Anknüpfungspunkte zwischen GEW und „Die Linke“, aber bevor es zu einer automatischen Übernahme der Positionen kommt, sollte auch das Trennende beleuchtet werden:

a) Die GEW vertritt sehr einseitig die Interessen verbeamteter LehrerInnen. Über diesen Horizont kommt sie selten hinaus. Sozialpädagogisches Personal wird nur halbherzig repräsentiert; eine gehaltsmäßige oder berufliche Gleichberechtigung mit „Lehrkräften“ wird durch die GEW nicht angestrebt, ganz im Gegenteil.

b) Die Heerscharen prekärer Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen werden von einer Mitwirkung an der Schule gezielt ferngehalten – unter allen möglichen Vorwänden. Arbeitslose und „Prekäre“ werden z.B. zu Vertretern des privilegierten Bildungsbürgertums erklärt, wobei die Herkunft wesentlich wichtiger genommen wird als die Gegenwart. Auf diese Weise entsteht wieder das merkwürdige Bild vom „neoliberalen Bildungsbeamten mit revolutionärer Rhetorik“.

c) Dabei wird zusätzlich übersehen, dass die Herkunftsabhängigkeit von Bildung auch durch die – oftmals wissenschaftsfernen – Lehrmethoden und das gezielte Verweigern eines historisch-politischen Überblickswissens verursacht wird. Ohne autodidaktische Maßnahmen ist der Zugang zu vielen Wissensgebieten de facto verwehrt, auch wenn sie auf dem Stundenplan stehen. Neuere Ansätze (wie z.B. von Lisa Rosa) zielen ganz bewusst auf „geistiges Chaos“.

d) Lehramtsstudierende sind oftmals in erster Linie am Berufs- und Karriereweg „LehrerIn“ interessiert und betrachten die Unterrichtsfächer eher als notwendiges Übel. Sie opfern Erkenntnisinteressen also praktischen Berufsinteressen -typisch neoliberal, aber oftmals mit emanzipatorischer Rhetorik übergossen. Dementsprechend laufen auch alle pädagogischen Trends auf eine Schwächung von Wissens- und Erkenntnisaspekten auf Kosten von Teamfähigkeit, Moderation und Präsentation hinaus. – Das führt dann zu den unter c) geschilderten Effekten.

e) Durch die „Kompetenzpädagogik“ werden die Inhalte geopfert, das „formale Selektionsideal“ der Gymnasien aber de facto unter neuem Namen fortgeführt. Im Mittelpunkt steht nach wie vor die sprachliche Kompetenz als Selbstzweck – auch dies benachteiligend für viele MigrantInnen und „Bildungsferne“. Der Unterschied zur traditionellen Gymnasialpädagogik liegt nur darin, dass schriftliche durch mündliche Kommunikation, dass „das Buch“ durch Videos und Kurzartikel, dass Grammatik durch Stilempfinden ersetzt wird. Diese Maßnahme nützt aber nur einer ganz bestimmten, in der Regel angepasst-gesittet-eloquent-weiblichen  SchülerInennschaft – und auch das nur vordergründig, denn ohne Sach- und Sinnstrukturen hilft auch Eloquenz auf Dauer nicht weiter.

f) Die GEW hat sehr kurze Wege zur Schulbehörde, die oft autoritär und neoliberal agiert. Es ist schade, dass über „konvertierte“ SPD-PolitikerInnen die Behördenmeinung nun auch in die linken Parteien einsickert. Der einzige Kritikpunkt, der GEW und Behörde trennt, ist die Schulstrukturfrage, die in erster Linie unter Besoldungsaspekten der LehrerInnen gesehen wird. Obwohl gerade in dieser Frage ein Sieg der GEW aufgrund der Mehrheitsverhältnisse unwahrscheinlich ist, opfert die GEW alle anderen Themen und Thesen der Frage, ob sie auf den ersten Blick für oder gegen eine Strukturreform sprechen. Die GEW macht jeden neoliberalen Behördenblödsinn mit, wenn er irgendwie die Möglichkeit eröffnet, in der Strukturfrage 2 cm weiterzukommen. – Dass die Gemeinschaftsschule auch ohne postmoderne Bildungsideologie möglich wäre, will die GEW nicht hören.

g) Inhaltlich läuft die herrschende Didaktik der Gesellschaftsfächer inkl. Deutsch, Philosophie und Religion auf einen „totalitären Subjektivismus“ hinaus, der neue, pseudo-offene, pseudo-kritische Pflichtideologie wird. Man darf nur noch sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Dennoch glaubt die GEW dann immer noch an das Wissen ihrer Mitglieder. – Von dieser Ideologie und diesen Widersprüchen handelt dieser Blog.

h) Viele GEW-Konzepte lassen sich nicht wirklich zu Ende denken, was auch mit den kaschierten Widersprüchen zu tun hat, wie sie in einzelnen der obigen Punkte aufscheinen. Dass GEW-Leute dies nicht sehen, hängt  mit der Theoriefeindlichkeit zusammen, die sich aus dem oben beschriebenen, häufig anzutreffenden Desinteresse an den Fachwissenschaften ergibt. – Umgekehrt wird an gerade angesagte Mode-Ideologien wie Kompetenzpädagogik, Ungewissheitskult (Konferenz 4.-6.2.16, Warburg-Haus, HH) dann wieder zu stark geglaubt, weil die angemessene Dosierung geisteswissenschaftlicher Modelle nicht erlernt wurde. (Schwanken zwischen Über- und Unterdogmatisierung).

i) Unterschwellig sind viele GEW-Konzepte behinderten- und außenseiterfeindlich und glauben in naiver Weise an die „Volksgemeinschaft der SchülerInnen als Diskursgemeinschaft“ (s. Beitrag „Philosophie – Wie ein Fach zerstört wird“ auf diesem Blog). Die Fakultär für Erziehungswissenschaften zieht ohnehin eher jugendgängige Normmenschen an und ist von Sonderlingen und Behinderten weitgehend „frei“. Man redet im Namen von Benachteiligten, ohne sie wirklich zu kennen und zu repräsentieren. Gleiches gilt für die „Bildung“, die gleichzeitig über – und unterschätzt wird durch die GEW.

k) Auch andere  Aspekte der herrschenden Bildungspolitik, wie sie von GEW und Schulbehörde (mit Ausnahme der Schulstrukturfrage) gemeinsam vertreten wird, sind keinesfalls links – schon gar nicht kann das Establishment einen linken Monopolanspruch geltendmachen. – Auch die Klassensoziologie, die die GEW immer wieder bemüht, müsste realistischer gestaltet werden. – Zum Schluss noch eine Provokation: In gewisser Weise erinnert die Revolte der GEW gegen die Fachwissenschaften an die Schill-Partei, die in gewisser Weise ja eine Revolte der Polizei-Logik (Verbrechensbekämpfung) gegen die – übergeordnete – Justiz-Logik (Rechtsschutz) war. Mit populistischer Rhetorik werden die Fachwissenschaften in die Enge getrieben, wird Erkenntnis- durch Praxisinteresse ersetzt. Die Lehrer rebellieren gegen die Bildung – ein Eindruck, den die „konkret“ schon 2009 vom Studentenstreik in Hamburg hatte.

Aus all diesen Gründen sollte die Partei „Die Linke“ der GEW (und damit: der Schulbehörde) nicht allzusehr hinterherrennen, schon gar nicht bei der Politischen Bildung, die nur vordergründig schülernah und „kritisch“ ist. – „Die Linke“ sollte nach anderen Wegen zu einer gerechteren Bildung suchen und dabei die postmoderne Wissenszerstörung ebenso hinterfragen wie den naiv-arroganten „Akademisierungskult“ der GEW.

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6.) Die GEW frisst ihre Kinder. Kinder von GEW-LehrerInnen als implizite Opfer der naiven GEW-Variante von Bildungssoziologie. Brief an den hlz-Redakteur J. Geffers (März 2016).

Lieber Joachim,

….

Ihr redet ja sehr viel von Bildungswegen und – klassen und -herkünften und überdehnt das auch ins Ideologisch-Dogmatisch-Destruktive, dazu an anderer Stelle. Wer allerdings in Euren häufigen Gesellschaftsbetrachtungen, in Eurer „anklagenden Bildungssoziologie“, niemals vorkommt, sind wir, also die relativ große und auch nicht homogene Gruppe der LehrerInnenkinder. Zum einen erwähnt Ihr nie die darin liegende schulbezogene Herkunftsprivilegierung, die – aus änderbaren und auch nicht änderbaren – Gründen oftmals stärker ist als bei den Kindern Eurer häufiger genannten Feindbilder wie z.B. Ärzte- und Anwaltskindern.

Zum anderen seht Ihr aber auch nicht, dass Ihr uns spätestens ab dem 25. oder 30. Lebensjahr indirekt und implizit zu Euren Feinden macht – ganz egal, was wir tun. – Betrachten wir drei mögliche Wege von GEW-Kindern:

a) Du kennst vielleicht den SPD-Politiker und Lehrer Matthias Czech, den ich aus meiner Juso-Zeit kenne und durchaus sympathisch finde. Er übernahm vieles von seiner Mutter und seinem größeren Bruder, die ebenfalls in der SPD, in der Arbeitsgemeinschaft für Bildungsfragen, für die Gemeinschaftsschule und von Beruf LehrerIn sind bzw. schon in jungen Jahren waren. Ich finde, dabei ist durchaus Stimmiges herausgekommen, und es ist sein Weg und sein Wesen und seine Größe, sich in dieser Weise entwickelt zu haben.

Konkret trägt ihm dies die Teilhabe bei Euch ein; abstrakt müsstet Ihr es aber ablehnen, weil er seine Rollen und Denkweisen ja ziemlich stark geerbt hat. Tut Ihr aber nicht, aus gutem Grund.

b) Ihr denkt ja sehr stark in Aufstiegskategorien, und bildungssoziologisch gilt der Lehrerberuf durchaus auch als Aufsteigerberuf, auf den – familienchronologisch – dann der Aufstieg in einen „vollbürgerlichen Beruf“ wie Arzt oder Jurist erfolgt. Wer diesen Weg geht, erfüllt – anders als bei a) – den Aufstiegsimperativ, der bei Euch immer wieder mitschwingt. Insofern brav! Aber: Ein solches LehrerInkind wird nun schnell zum Klassenfeind, und den Vorwurf der Herkunftsprivilegierung müsstet Ihr nach Eurer Logik auch erheben.

c) Es gibt aber auch Fälle, in denen – um es mal so zu sagen – der Aufstiegsimperativ durch den Selbstverwirklichungsimperativ (ganz wertfrei gesprochen) ersetzt wird. Der Weg führt dann z.B. in die linke Szene, in die brotlosen Künste, in Kunst und Kultur. Auch diese Gruppe von LehrerInnenkindern ist nicht homogen.

Und bei Eurem Umgang mit dieser Gruppe c) beginnt der soziale Gegensatz. Dieser Gegensatz liegt z.B. darin, dass es thematische Überschneidungen zwischen den Fachgebieten Eurer Kinder und Euren Unterrichtsbereichen gibt und Ihr einseitig die Lehramtsinteressen vertretet. In diesen Konflikten macht Ihr – anders als bei a) – den Leuten, also uns, also Euren Kindern, ihre Herkunft plötzlich zum Vorwurf und geriert Euch als Revolutionäre, weil Eure eigene Position die weniger bürgerliche ist – denn in fachlich-inhaltlicher Hinsicht ist der Aufstiegsimperativ durch diese Gruppe c) manchmal durchaus umgesetzt worden, und Ihr wurdet insofern „getoppt“.

Diesen partiellen Aufstieg, diese partielle Weiterentwicklung, macht Ihr einerseits zur Waffe, indem plötzlich WIR zu privilegierten Klassenfeinden bzw. Propagandisten des Bürgerlichen erklärt werden, andererseits LEUGNET Ihr ihn aber auch, indem Ihr unsere Leistungen und Deutungs- und Berufsansprüche mit allen möglichen – meist schlechten und stümmelhaften – Argumenten relativiert.

Gleichzeitig bringt Ihr auch die typische Spießermoral in Anschlag, die eine Berufswahl im kulturell-geistigen Bereich im Grunde für einen Abstieg im Vergleich zur LehrerInnenposition der Eltern hält und für eine Mischung aus Faulenzerei, Naivität und Unfähigkeit. Aus der sicheren Beamtenposition und mit der Macht über Schule, GEW und Zeitungen betreibt Ihr dann ganz offenen „Terror von oben“, Terror der Etablierten, neoliberalen Terror – (dürft Ihr ja, wie Ihr glaubt, denn Ihr seid ja „links“). Ihr negiert unsere beruflichen Bedürfnisse und auch unsere Beiträge zu Bildungsdebatten auf brutalste Weise und auch unter Aufkündigung des „W“ in GEW.

Im Grunde sagt Ihr uns: „Eure Herkunft (also wir, die GEW-Eltern) hat Euch mit dem Fahrstuhl in den 20. Stock gehoben, und dann seid Ihr – Euren Hobbies folgend – in den 21. getorkelt, und jetzt haltet Ihr Euch für die großen Bergsteiger! Unsere Sympathie gilt Anderen!“

Dabei spielt auch Eure – im Rahmen des Restmarxismus vorhandene – Arbeitsethik eine Rolle, die nur Lehrerarbeit im offiziellen Rahmen gelten lässt und alle anderen Formen negiert: Ihr vertretet Bildungsleute immer nur als Beschäftigte, was aber eine Involviertheit in die offiziösen Bildungsstrukturen voraussetzt. Selbst Nachhilfelehrer, die Euren Unterricht – oftmals ohne jede Vorbereitung – tagtäglich „reproduzieren“ (m.o.w. direkt), vertretet Ihr gewerkschaftlich nicht; manchmal feindet Ihr uns geradezu an.

Und: Dabei spielen leider auch Eure – durchaus bemerkenswerten – Vorstellungslücken, Abstarktionsschwächen usw. manchmal eine Rolle; manchmal bestraft Ihr uns für Euer Halbwissen in diesem oder jenem Bereich. Ihr „versteht“ so gesehen Eure eigenen Kinder nicht. Fehl- und Zerrwahrnehmungen, Höhn-Gacker usw. sind die Folgen.

Machen wir Vorschläge, die im Grunde – und bei näherem Hinsehen und von höherer Warte und mit tieferem Blick betrachtet – auf Eurer politischen und schulischen Linie liegen, haltet Ihr Euch meistens die Ohren zu; von rühmlichen Ausnahmen 2014 abgesehen:).

 

7.) Auch GEW-Lehrer können pöbeln: Hassmail eines Gewerbelehrers an den Betreiber dieses Blogs

„Du irrst und hast nichts begriffen. Die Postmoderne wird Menschen wie dich
ausgrenzen -weil unnütz, keine Garanten von Mehrwert. Wirrköpfe,
Tagträumer, Narzisten, Parasiten.
Selbst für ihre große Arbeitsreservearmee, die sie immerhin noch mit
monatlichen Almosen versorgen, taugst du nicht. Da müssen dich schon
andere durchfüttern!
Wir Deppen allerdings, die täglich für den Betrieb der Postmoderne sorgen
und schon die Kleinstkinder in Krippen, Kindergärten und dann, staatlich
geprüft und zertifiziert, vorallem in den Schulen vorbereiten, wir
bekommen den Zaster, der heute so locker mal gedruckt wird. Wir sind die
Träger der Postmoderne.
Du junger Träumer, träum von den großen alten Erzählungen. Dein
Universalismus, ob gegliedert oder geschminkt, geht der Postmodernen am
Arsch vorbei. Und Philosophie darf als Didaktik daherkommen, bitte nicht
als Philosophie.
Du kappierst überhaupt nichts. Das allein ist dein Problem.
Wir, die Deppen, werden -nicht unter A13- gebraucht und bezahlt. Und der
Oberdepp bekommt A14 und der Terrorzwerg A15.
Die Postmoderne ist unser Garant für unsere Terrorherrschaft!!

Nun schlaf weiter, schlaf deinen süßen Traum und bleib wenigstens redlich:
Lese bitte nicht meine Mails! Du hast es mir versprochen. Und, sollte ich
Antwort auf diese Mail erhalten, hättest du dein Versprechen gebrochen.
Dann kommst du in mein Spamverzeichnis. Im Gegensatz zu dir kennen wir
Terroristen uns in der Informatik aus und wissen, wie Menschen wie du
informiert werden. Formation ist überhaupt das Maß aller Dinge.
Und dir werden wir Form schon beibringen, da bedarf es keinen Aufstand, im
Gegenteil, wir sind dabei immer sehr sehr leise; es könnte ja den Schlaf
stören.
Dein Terrorzwerg und Oberdepp“

 

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