Der „Zweifel“ als Wert an sich: Ein postmodernes Dogma. Mail nach Flensburg.

„Zweifeln“ und „kritisches Denken“ stehen bei der aktuellen Schuldidaktik hoch im Kurs, obwohl recht unklar bleibt, inwiefern man diese Haltungen auf Knopfdruck (und durch direkte Propagierung)  überhaupt erreichen kann. Leider zeichnet sich immer stärker ab, dass diese emanzipatorischen Ideale selber zum Dogma geworden sind, das lähmt und erdrückt und ins Unrealistische, ja Irrationale abgleitet, von inhaltlichen Verkürzungen dieser Ideale und ihrer regelmäßigen Nicht-Verwirklichung ganz zu schweigen.
Aussage dieses Blogs hier soll es sein, diese Werte nach wie vor als wichtige Ziele, aber eben nicht als Dogma und alleinige Hauptaufgabe der Didaktik zu sehen, sondern sie einzubetten in einen differenzierten Reigen von Leitideen, der auch ihnen erst zur tatsächlichen Umsetzung, zum Schritt in gelebte Realität, verhilft. Denn es wird niemandem entgangen sein, dass gerade die „zur Kritik permanent ermunterte“ Generation heute als besonders meinungsschwach, unkritisch und geistig langweilig gilt, obwohl die technischen und psychosozialen Möglichkeiten zum Vertreten und Verbreiten (auch abstruser) Meinungen eher gewachsen sind. Schon dies lässt erahnen, dass eine – allzu mechanisch das „kritische und eigenständige Denken“ propagierende – Didaktik wohl nicht so ganz unschuldig sein kann an den geistig-politischen Verödungsprozessen. Und ein näherer Blick auf ihre Details zeigt denn auch, wie oberflächlich, pseudo-kritisch, pseudo-offen und pseudo-tolerant die herrschende Didaktik in vielen Aspekten denkt – und handelt.
So notwendig eine Erziehung zur kritischen Distanz und zur Skepsis auch ist, so kann sie eben doch nur die eine „Hälfte“ eines Zugangs zur Wahrheit sein – denn sonst wird sie selber zum Dogma, das Wahrheits- und Erkenntnisansprüche boykottiert, „Bildung“ schon in einem rein technischen Sinne lahmlegt und den Weg in den Irrationalismus und eine destruktive Verdachtskultur vorbereitet. In Anlehnung an die „Dialektik der Aufklärung“ könnte man hier von einer „Dialektik des Zweifelns“ bzw. einer „Dialektik der Emanzipation“ sprechen, die zu einer Destruktivkraft geworden ist. Das gilt vor allem dann, wenn sich der „Zweifel“ in erster Linie gegen Kulturelles richtet, sodass die „unbezweifelbaren Tatsachen z.B. des Körpers“ als normierende Instanz übrigbleiben. (Auch hier wieder ein latenter Hang zur Biologisierung der Didaktik, s.u.).
Auch politisch ist Vorsicht geboten, wenn eine Monokultur des Zweifels und Nicht-Wissens erzeugt werden soll, denn statt des „kritischen Bürgers“ wird dann (zunächst einmal) Orientierungslosigkeit erzeugt, und der Raum für einen Übergang ins Verschwörungstheoretische ist geschaffen. Gerade der Geschichtsunterricht und das Thema „Drittes Reich“ zeigen ja, dass ein humanistischer Anspruch ohne gewisse Wahrheitsansprüche nicht eingelöst werden kann, und dass die Freigabe unbegrenzten und unbegründeteten Zweifels (z.B. am Holocaust) schon aus politischen Gründen höchst problematisch ist, von den fachbezogenen ganz zu schweigen. Insofern braut sich mit der naiven Dogmatisierung des „Zweifels“ die Gefahr einer – entgegen ihren wohlmeinenden Intentionen – irrationalen und inhumanen, erkenntnistheoretisch willkürlichen Schulpädagogik zusammen.
Eine große Propagandistin des „Zweifels“ als Wert an sich ist die Flensburger Dozentin für Philosophie-Didaktik Dr. Heidi Salaverria, die zudem als Philosophie-Lehrerin in Hamburg tätig ist. Eine Mail des Verf. mit der Überschrift „Zweifel an Ihren Zweifeln“ ließ sie unbeantwortet. Im Folgenden die Mail:
______ Email (Sommer 2015): „Zweifel an Ihren Zweifeln“______
Sehr geehrte Frau Salaverria,
 
gestatten Sie mir, doch einmal zwei Zweifel an Ihrer Philosophie des Zweifelns zu äußern. Vorweg gesagt: Ihr Ansatz ist – für sich genommen – eine durchaus nette Idee, ein auflockernder Farbtupfer und eine Anregung zum Nachdenken. Er wird aber seinerseits totalitär und dogmatisch, wenn er zur Monokultur in der Schulpädagogik wird – und danach sieht es (zumindest in Hamburg) aus. Es gibt – glauben Sie mir – dort mittlerweile so etwas wie eine „Zweifelpflicht“ und ein Verbot aller Verbindlichkeitsansprüche (und seien sie noch so bescheiden), und dabei entsteht dann eine „totalitäre Postmoderne“.
 
Und nun zu den zwei Zweifeln:
 
1.) Indirekt begünstigt eine Philosophie des Zweifelns die Vorherrschaft solcher „natürlichen Zwänge“, die nicht auf einer dogmatischen Setzung beruhen, sondern auf „Sachzwängen“, welche als solche kaum zu hinterfragen sind. Will man sie hinterfragen, wäre das allenfalls durch ein Anzweifeln des gesamten Systems möglich (ökonomische Zwänge); oft hilft aber noch nicht einmal das (körperliche Zwänge, medizinische Zwänge). Insofern trifft Ihr Ansatz leider gerade solche Instanzen, die ein Gegengewicht gegen diese Sachzwänge sein könnten – seien es nun Religionen, Bekenntnisse oder sonstige dogmatische Systeme.
 
Außerdem setzt ein Zweifel an X ja voraus, dass man dieses X an irgendeinem Y messen kann – um X dann ggf. zu verwerfen. Aufgabe einer kritischen Philosophie könnte bzw. müsste es sein, dieses Y zu definieren und zu propagieren (um damit dann dem X zu Leibe zu rücken). Dazu kommt es aber regelmäßig NICHT, sondern es bleibt bei einem – oft ziemlich mechanischen – „Anzweifeln von X“, das mangels Alternative dann aber doch weiterbesteht.
 
Ich glaube auch nicht, dass Sie SchülerInnen von bestimmten Verhaltensweisen abbringen können (sei es nun facebook, seien es Mutproben oder was auch immer), ohne ein alternatives Wertesystem vorzustellen und anzubieten. Bestenfalls wird bei vielen Ihrer Bemühungen ein „aufgeklärt falsches Bewusstsein“ herausspringen – man sieht facebook zwar „kritisch“ und ahnt, dass es dort „in Wahrheit“ nur um Poserei, das „Bedürfnis nach Anerkennung“ bzw. um das Füllen von Langeweile geht – aber man „facebookt“ eben trotzdem weiter, weil es Spaß macht und weil man ebenso ahnt, dass Poserei, das Bedürfnis nach Anerkennung und das Füllen von Langeweile nun einmal anthropologische Gegebenheiten sind, die sonst eben auf anderen Wegen verfolgt würden.
 
Der „Verunsicherungseffekt“, den Sie anstreben, wird also seine Grenzen haben – und wenn Sie ihn zu penetrant an die SchülerInnen herantragen, werden sie eine Gegenideologie entwickeln, die auf das Freiwillige und Natürliche an problematischen Verhaltensweisen verweist. Das „Anzweifeln von Alkohol-Orgien“, das ja nun schon lange auf dem Lehrplan steht, hat ja auch noch nie geholfen…
 
 
2.) Außerdem finde ich, dass bei Ihnen Instinkte, Körperlichkeit und Ästhetik eine zu große Rolle spielen; man sieht das schon an dem großen Foto, mit denen Sie sich den BesucherInnen Ihres Profils präsentieren: Sie hinterfragen kulturell-künstliche Normen, halten aber an biologisch-ästhetischen Normen fest bzw. tragen sie in die Philosophie hinein. Hier droht eine schleichende Biologisierung der Philosophie; insofern hat Ihr Ansatz auch etwas Irrationales und Rechtsradikales. („Philosophierende Performer“ neigen immer wieder zu Körperkult und Irrationalismus, wie ich feststellen musste.)
 
Dieser Vorwurf lässt sich auch an anderen Punkten erhärten. Ich habe z.B. den Eindruck, dass der „schülerorientierte Philo-Unterricht“ immer wieder implizit den „Normschüler“ (in körperlicher, ästhetischer und psychischer Hinsicht) voraussetzt. Wenn Sie z.B. in einer 13. Klasse über facebook, Anerkennung und ähnliche Themen diskutieren, grenzen sie diejenigen Schüler aus, die an dieser Normwelt ohnehin nicht teilnehmen können und in der Klasse auch nicht anerkannt sind. Sie stochern dann in Wunden herum, die Sie nicht heilen können. – Auch Ihr Angebot einer philosophischen Paartherapie (zusammen mit Herrn Gefert) „klappt“ ja nur bei Norm-Paaren, die sie ohne nähere Kenntnis biopsychologischer Besonderheiten „durchschauen“ und beraten können.
 
Kurzum: Es ist sehr zweifelhaft, ein Theoriefach wie die Philosophie durch ein – selber wieder dogmatisches – „Zweifeln“ zu ersetzen, das allenfalls zum Nachdenken anregt, aber keine weitergehenden Deutungs- oder gar Handlungsangebote macht.
 
Die totalitäre Postmoderne, in der man nur noch sagen darf „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, paralysiert das Denken und liefert es – wenn auch indirekt – der Herrschaft der Sachzwänge aus. Dass Sie z.B. den „Sachzwang Körper und ästhetische Präsentation“ eher verschärfen, scheint mir offensichtlich. Demgegnüber ZERSTÖREN Sie das theoretisch-intellektuelle Denken im engeren Sinne (totalitärer Anti-Intellektualismus der herrschenden Pädagogik)
 
Insofern halte ich Ihren Ansatz für hochgradig kontraproduktiv, sofern er zum „mainstream“ wird. Und besonders peinlich ist es, wenn die großen „Zweifler und Stauner“ (Martens, Gefert) sich hinter ihrer strukturellen Macht verschanzen und nicht nur keine Wissensvermittlung, sondern auch kein Zweifeln (an der mainstream-Pädagogik) zulassen.
 
Im Übrigen sei auch auf die Gefahr eines „liquidatorischen Zweifels“ hingewiesen, z.B. durch die Verdachtskultur im Internet. Auch dieser Punkt verweist auf die latent rechtsradikalen Elemente der herrschenden Zweifelspädagogik.
 
Nach meinen Erfahrungen mit den „Ich-weiß-dass-ich-nichts-weiß“-Besserwissern (konsequente Kommunikationsverweigerung) zweifle ich eher nicht daran, dass Sie meine Zweifel zweifelhaft finden. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren…
Jedwede Antwort auf diese Mail steht bis heute aus. Frau Dr. S. darf übrigens auch ohne Lehramtsexamen an Hamburger Schulen unterrichten – eine sinnvolle Regelung, die allerdings dann auch für Vertreter wissenschaftsnäherer Ansätze gelten sollte.
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Change und Dynamik als Selbstzweck: Ein postmodernes Dogma. Mail an die hlz.
Obwohl sich die “Totalitäre Postmoderne” für ideologiefrei hält, predigt sie Dogmen – ohne es so recht zu merken und oft auch eher am Rande. Das zeigt auch die Hamburger Lehrerzeitung in ihrer Dezember-Ausgabe (Autor: J.G.), wenn sie sich dem – sonst so verschmähten – Gebiet der klassischen Philosophie gleich zweimal zuwendet. Beim ersten Mal verabsolutiert sie das Prinzip der Veränderung, des Dauer-Change, das angeblich “alle” Philosophen gelehrt hätten, beim zweiten Mal käut sie die Reduzierung Kants auf das – aus dem historischen Kontext gerissene und postmodern missbrauchte – Schlagwort vom “Selberdenken” wieder.

Philosophieverachtung und Philosophiemissbrauch bei gleichzeitiger Überdogmatisierung (Überphilosophierung) des eigenen Denkens im Sinne eines postmodernen Dogmas von Dynamik und Atomismus – und das aus dem Munde einer angeblich “linken”, angeblich “bildungsorientierten” Beamtengewerkschaft. Da haben Leute die kulturelle Grammatik verloren…

Nun die Mail (Dez. 2015) an den zuständigen hlz-Redakteur:

“…in der neuen hlz machst Du ja zwei Ausflüge in die Philosophie, die Gegenstand meiner heutigen Mail sein sollen:

1.) Du schreibst: “Wir werden uns nicht verändern … (Das) widerspricht allem, was die Philosophen dieser Welt in der Gegenwart wie in der Vergangenheit resümiert haben. Von `alles fließt` bis zu: ´das Einzige, was bleibt, ist die Veränderung`… oder um es mit Bob Dylan zu sagen: The Times They Are A- Changin`.” (S. 3)

Wenn man diese Textstelle mal “überbewertet”, könnte man jetzt von “Totalitärer Postmoderne” sprechen, weil Du alle nicht-dynamischen (nicht veränderungsorientierten) Philosophen (und das sind fast alle irgendwie!) ausblendest. Und weil Du – so gesehen – irgendwie fast alle Philosophen ausblendest, könnte man hier auch wieder die Folgen einer Nichtvermittlung von Philosophie anprangern – dargetan am Beispiel eines Vertreters der LehrerInnenschaft.

Man muss da gar nicht mal mit Platon mit seinen “ewigen Ideen” kommen oder mit Kant und seiner schlechthinnigen menschlichen Vernunft (dazu unten noch etwas).

Schau mal, auch der von Dir bemühte Heraklit wollte ja etwas Ewiges und Absolutes aussagen, als er formulierte: “Alles fließt” – oder auch: “Der Krieg ist der Vater aller Dinge” (dazu später mehr). Und es wird heute noch zitiert und immer wieder – wie in Deinem Falle – auch noch zur Ideologie hochgekocht. – Und auch Marx, der Veränderungs- und Revolutionsphilosoph, war der Meinung, aus ewigen Daseinsgesetzen (DiaMat) eine grundlegende, jahrhunderteübergreifende Geschichtstheorie (HistoMat) geschaffen zu haben.

Es ging den Philosophen also meist irgendwie ums “Ewige”, und deshalb sind diese Theorien ja auch so überzogen und können nicht 1:1 gelehrt und geglaubt werden – sonst droht schnell mal “Überdogmatisierung” (wie in Deinem Fall), geboren aus “Unterdogmatisierung” (im Sinne mangelnden Philosophie-Bewusstseins).

Insofern mal wieder eine Bestätigung meiner Philo-Didaktik.

Aber ich lasse das mal, weil dieser Punkt im KONTEXT Deines Artikels nicht so wichtig ist. Du hättest ja auch “widerspricht vielem, was” schreiben können – und dann hätte es gepasst, weil sich auch einige der “ewigkeitsorientierten Theorien” um Veränderung drehen (s.o.). Und als Kommentar zu Hollande ist es ja auch o.k. und eine geistreiche argumentative Untermalung.

INHALTLICH finde ich diese Theorie allerdings nicht unproblematisch – es gibt da ein Stück von F. J. Degenhardt, in dem er sich ablehnend mit Biermanns Motto “Nur wer sich verändert, bleibt sich treu” auseinandersetzt. Das Stück stammt aus den frühen 90ern, in denen die – heute zum Dogma gewordene – “kultur-neoliberale” Ideologie von der Oppositions- zur Herrschaftsideologie wurde (Flexibilität u.v.a.m.). Auch hier ein Beispiel für den “cultural lag” im Schulbereich, wenn Du für neu und innovativ hältst, was das vor 20 Jahren war. Auch diese historische Zeitverzögerung ermöglicht es Euch übrigens, den Spagat zwischen revolutionärer Rhetorik und praktischem Herrschaftshandeln zu schaffen.

Und ewige Veränderung bedeutet ebne irgendwie auch ewigen Kampf , wie schon Heraklit wusste (s.o.). Dynamismus kann emanzipatorisch , aber auch aggressiv sein.

Als Ideologie einer Beamtengewerkschaft eignet sich dieser Dynamismus ebensowenig wie zur Verteidigung des Sozialstaats. Und schau mal, Joachim: Euer “Veränderungsdynamismus” ist ausgesprochen selektiv, in den meisten Punkten seid Ihr eher strukturkonservativ, auch wenn Ihr dies nicht so sehr thematisiert, weil man die bereits vorhandenen Strukturen und Privilegien nicht so deutlich einfordern muss wie Veränderungen.

Insofern “ankert” Ihr im Fluss und ruft den vorbeitreibenden Leichenteilen zu: “Ist das nicht doll? Alles fließt! … Und jedesmal wenn ich plantsche, ist es ein ganz anderer Fluss – überhaupt nicht wiederzuerkennen und auch ontologisch keinesfalls identisch! Faszinierend! Und da, am Ufer! Ein Reh! Ändert konstant seine Position! Ja, ja, nur die Änderung ist konstant; von hier aus kann ich das seit Jahren beobachten.. Ooooooo, ein zerfetztes Käsehuhn treibt vorbei. Ja, ja der Kampf, sach ich immer. Möge der Bessere… Und da! Schon wieder fließt der Fluss in seinem nimmermüden Wollen!”

Also: Als Ideologie (im positiven Sinne des Worts) eignet sich dieser Veränderungsdogmatismus nicht. Und besonders originell ist er auch nicht – wenn z.B. Unternehmens- und Kommunikationsberater (wie geschehen) eine Tagung zu “The only constant is change” machen, werden sie das auch irgendwann mal “changen” müssen.

Und in der Bürowelt , Joachim, und ganz allgemein in der Arbeitswelt – insbes. außerhalb des Beamtentums – ist “change management” eher ein Drohbegriff und zutiefst neoliberal.

2.) Zum Schluss überrascht dann das eingerückte Kant-Original (S. 65). Schau mal, Kant konnte an das “Selberdenken” ja nur deshalb glauben, weil er überzeugt war, so etwas wie allgemeine Moralitätsgrundsätze entdeckt zu haben (Kategorischer Imperativ), die in jedem Menschen schlummern und die man auch nicht predigen muss, weil sie jeder Mensch – bei “autonomem Gebrauch seiner Vernunft” – schon selber finden würde. Sehr optimistisch, der liberale Glaube an den Selbstlauf der Dinge (Glaubst Du daran auch in Wirtschaftsfragen, Joachim?)!

Dieser Vernunftoptimismus darf sich heute nicht zum neuen Dogma entwickeln – zumal die aus dem “Kategorischen Imperativ” ableitbaren konkreten Aussagen (bzw: die mit ihm zu vereinbarenden, so herum läuft es eher) auch viele thematische Felder nicht (eindeutig) abdecken, sodass dann doch wieder andere Instanzen hinzutreten müssen. “GEW” ist mit Kant jedenfalls größtenteils nicht zu machen, Joachim…

Wie Du vielleicht weißt, überwiegt bei Kant (in der konkreten Ausgestaltung) der Rechtsstaat (inkl. Eigentumsschutz) ggü. dem Sozialstaat (Almosen sind moralisch zu begrüßen, aber freiwillig und noch nicht einmal in jedem Fall ethisch motiviert). Und im Strafrecht werden soziologisierende, “linke” Argumentationen unter Verweis auf einen anderen Punkt der Kantschen Lehre (Willensfreiheit als Ausfluss einer Doppelnatur des Menschen als empirisch-körperlich und noumenales Wesen) zurückgewiesen.

Nun darfst Du natürlich einwenden, dass man Kant doch in linker Richtung weiterentwickeln könnte und dass viele seiner Aussagen zeitbedingt seien (Kein Wahlrecht für Frauenzimmer, Handlanger, Hauslehrer und Friseure!).

Zeitbedingt ist aber auch sein Vernunftoptimismus. Insofern sind Leute wie z.B. Tiedemann leider auch “unhistorisch”, wenn sie plötzlich an die Situation von 1784 anknüpfen, wo man eben noch sehr stark an vorgekaute Ideen glaubte (was Kant überwinden wollte), während man heute keine eigenen Ideen mehr hat, weil man es unterließ, die vorgekauten zunächst einmal wiederzukäuen…

Und deshalb nervt es auch so, Joachim, wenn sich die “Selberdenker”-Fraktion in der Philo-Didaktik immer wieder gebetsmühlenartig auf diesen EINEN, angeblich so schlüsselhaften, im Grunde aber (innerhalb des Kantschen Gedankengebäudes) banalen Textausschnitt stützt, dessen Anfang wir in der Schule (HH, 1993) übrigens mal auswendiglernen mussten.

Wie Du vielleicht jetzt ahnst, enstpricht vieles von dem, was Kant gedacht hat (gerade in ethischen und politischen Fragen) keineswegs dem, was heute bei einem “Selberdenken” (gerade von Jugendlichen, aber auch von Linken) herauskommen würde. – Und dieses Missverständnis Kants ist auch deshalb möglich, weil sich die meisten Didaktiker um “Kant als Unterrichtsthema” nicht genug kümmern (übrigens blieb es schon 1993 beim reinen Propagieren des “mündigen Denkens” an sich.)

Nun sagt das ja nichts gegen Deine Texte, die sich um andere Themen drehen. Vielleicht soll der – etwas üppig geratene und für die hlz nun absolut untypische – Kant-Verweis ja auch ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, sich “seinen Teil zu denken” bei Deinem Text…

Wie dem auch sei: Es ist ein schönes Stilmittel, Texte philosophisch anzureichern ; aber ich finde, man sieht auch die Schwierigkeiten, die Ihr beim Gebrauch der Philosophie habt.

Von daher erneut die Einladung an Dich, in Ideologie- und Philosophie-Fragen auch mal auf neue Ansätze zu setzen, idealerweise aus meiner Feder. Ein bisschen weht ja der “wind of change” in der aktuellen hlz , und zu einigen Punkten werde ich noch etwas schreiben.

Weihnachtliche Grüße
MB”

 

 

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