Zur inhaltlichen Biologisierung geisteswissenschaftlicher Schulfächer: Ein Beispiel

Zu den Gefahren der herrschenden Didaktik gehört auch der unterschwellige Biologismus. Er zeigt sich aktuell insbesondere im Schulfach Philosophie, wo ein dezidiert geistig-theoretisches in ein dezidiert gruppendynamisch-subjektivistisches Fach umgewandelt werden soll. In dieser Umwandlung liegt – neben anderen Problemen – auch ein versteckter und latent rechtslastiger Biologismus, wie dieser Artikel erläutern will.
Einer der Wegbereiter dieser Entwicklung ist der Hamburger Didaktikprofessor Ekkehard Martens, der über das „Philosophieren mit Kindern“, die Hochschätzung des emotionalisierten „Staunens“, einen latenten Irrationalismus und einige weitere Punkte den Weg in den Biologismus geht. 
Am Beispiel der Philo-Didaktik kann eine Biologisierungsgefahr aufgezeigt werden, die durch die vorherrschende Didaktik auch auf andere Fächer ausgedehnt wird. Diese Gefahr liegt auf drei Ebenen:
 
a) durch die Nicht-Weitergabe geisteswissenschaftlichen Wissens, durch den demonstrativen Subjektivismus, kann bei SchülerInnen (indirekt und ungewollt) ein naiver Szientismus ausgelöst werden, ein plumper Glaube ausschließlich an das unmittelbar Mess- und Wahrnehmbare, weil abstraktere Denkweisen nicht vermittelt bzw. zweifelnd destruiert werden und am Ende nur das unmittelbar Wahrnehmbare übrigbleibt (auch ohne entspr. explizite Unterrichtsaussage). Vgl. hierzu Abschnitt 2.2. meines „Essays zu einer systemisch-historischen Philosophiedidaktik“. Auch ein Unterrichtsentwurf von Prof. Dr. Markus Tiedemann (FU Berlin, jetzt TU Dresden) verortet das Wissen fast ausschließlich im Biologischen, während die Philosophie nur für das Sammeln und Abgleichen der Meinungen zuständig ist.
b) Lehrkräfte sollen charismatisch und sympathisch sein und auch über die Instinkt-Ebene eine Diskursgemeinschaft erzeugen. Dadurch steigen indirekt auch die Körpernormen – schon heute sind die Erziehungswiss. hier in HH de facto eine recht „körpernormierte“ Fakultät – fast ohne Bucklige, Übergewichtige, unmodisch Gekleidete. (Immer nach dem Motto: Keine Sonderlinge; keine Intellektuellen!)
c) Prof. Martens (Hamburg; Ausbilder von Prof. Tiedemann) hat nicht nur eine Vorliebe für den Dialog mit Kindern, sondern auch für Fragen nach dem „lebenswerten Leben“ bzw. für die Frage „Kinder, wollt Ihr ewig leben?“ – Meine Einwände (Seminar 2001), ob dies nicht in ein behindertenfeindliches Fahrwasser führen könne, wurden immer abgewimmelt; ich erhalte sie aber aufrecht.
 
Zu all diesen Punkten ist weder Herrn Martens noch Herrn Tiedemann eine Antwort eingefallen. Im Folgenden eine (i.W. unbeantwortet gebliebene) Mail von mir an M. Tiedemann, in der diese drei Aspekte erläutert werden. Obwohl Tiedemann im „Kampf gegen Rechts“ erheblichste Kollateralschäden in Kauf nimmt (Wegsprengen der philosophischen Tradition und Gelehrsamkeit durch weitgehende schulische Nichtvermittlung), ist auch seine herrschende Philo-Didaktik nicht frei von unterschwelliger Rechtslastigkeit. Ohnehin stellt sich die Frage, inwieweit die vorherrschenden Tendenzen in den Erziehungswissenschaften und anderswo (latent) ökofaschistische Elemente in sich tragen.
 
____________________ Email, Sommer 2015___________________
Sehr geehrter Herr Prof. Tiedemann,
wie Sie vielleicht schon gehört haben, engagiere ich mich für einen Neuanfang in der Philosophie-Didaktik. Der Reformbedarf lässt sich nicht mehr leugnen…
 
Ich kenne Sie vom Sehen aus Raum 1009 (ca. 1995), und als ich 2001 ein Seminar bei E. Martens besuchte, schwärmte er in höchsten Tönen von Ihnen, weil es Ihnen gelungen sei, bei den SchülerInnen eine ganz bestimmte Stimmung des Staunens, Zweifelns und Innehaltens auszulösen (Sie arbeiteten damals in Bergedorf); es ging – glaube ich – um die Frage „Kinder, wollt Ihr ewig leben?“ (oder um eine andere Frage aus Martens´ Lieblingsthemenbereich, wer nun lebenswert ist und wer nicht.) – Mich selber behandelte Martens wie den letzten Dreck. Es wurde klar, dass wissensorientierte Lehrer – wie auch jeder Bezug zur Fachphilosophie – unerwünscht sind. (Kognitives Fachverbot)
 
Im Grunde deutet sich hier schon eine Gefahr an, die Ihnen – der sich ja „gegen Rechts“ engagiert – vielleicht gar nicht so bewusst ist: Die unterschwellige Biologisierung, Emotionalisierung und Charismatisierung des Philo-Unterrichts, verbunden mit einer latenten Behinderten- und auch Intellektuellenfeindlichkeit.
 
Dieser Trend zur Biologisierung zeigt sich auch an anderen Stellen immer wieder. Zunächst darf ich im Folgenden einen Ausschnitt aus einem Artikel von Ihnen zitieren (einsehbar auf information philosophie, online) , der einen Schüler-Fragebogen zum Thema Gentechnik vorstellt. Es wird deutlich, dass für Fakten und Kenntnisse ausschließlich die Naturwissenschaften zuständig sein sollen, während sich das Philosophische nur noch auf moderierten Meinungsaustausch beschränkt (Kognitiver Fachmord):
_______________________ Artikel von Prof. Tiedemann auf „Information Philosophie“_______

„Der Fragebogen

Kenntnisse
1. Was weißt du über die Arbeit von Genforschern? Woran arbeiten sie?

2. Erkläre bitte den Begriff Klonen!

3. Erkläre bitte den Begriff Stammzelle!

4. Erkläre bitte die Abkürzung PID!

5. Erkläre bitte den Begriff Genom!

6. Woher hast du deine Kenntnisse gewonnen?

Problembewusstsein
7. In diesem Teil geht es darum zu erfahren, was du von der weiteren Entwicklung der Biotechnologie erwartest. Bitte unterteile deine Angaben in Ängste, Hoffnungen und Erwartungen.

Beurteilung
8. Sollte aus deiner Sicht die Forschung an menschlichen Embryonen verboten werden? Bitte begründe deine Meinung!
9. Bitte beurteile den folgenden Fall. Im Bundesstaat Texas (USA) möchte ein Elternpaar ihren an Knochenkrebs erkrankten Sohn klonen lassen. Der Klon soll das lebensrettende Knochenmark spenden und dann als normales Kind zusammen mit seinem geretteten Bruder in ihrer Familie aufwachsen. Würdest du diesem Vorgehen zustimmen? Bitte begründe deine Meinung.“

______________________________________ZITAT ENDE__________________

Deutlicher könnte man die Fachmord-Politik an der Philosophie gar nicht aussprechen: Auch in der Philosophie stehen biologische Fakten im Mittelpunkt (kognitiver Fachmord an den Geisteswissenschaften). – Aber lassen wir das mal; nehmen wir einen anderen Punkt:

Es ist latent behindertenfeindlich, immer wieder über den Umgang mit Behinderungen, über Klonen und Züchten, über „lebenswertes Leben“ usw. zu diskutieren. Denn 1. ist die Gefahr zu hoch, dass hier ganz offen Behindertenfeindliches geäußert wird und 2. besteht auch die Gefahr, dass körperlich Gehandicappte – auch bei freundlichem Unterrichtsverlauf – ihr Anderssein und ihren Verstoß gegen die (körperorientierten) Jugendnormen schmerzhaft zu spüren bekommen.

Vom „Werther-Effekt“, der sich auch 1981 nach der Ausstrahlung von „Tod eines Schülers“ zeigte, will die Martenspädagogik nichts wissen, und das gilt auch für das neue Elaborat des Referendarausbilders Fröhlich: Völlige Ignoranz gegenüber den Interessen und Befindlichkeiten von Betroffenen.

Unterschwellig richtet sich die Martenspädagogik immer nur an die schönen, sympathischen und charismatischen SchülerInnen und LehrerInnen.  …“

Ignoranz der Didaktik gegenüber der Situation von Außenseitern? Liegt der Fokus nur auf „Cliquen-SchülerInnen?“ – Unter diesem Aspekt noch eine „fragende Anmerkung“ zu einem Theaterstück Tiedemanns („Romeo und Jasmin“), das ich nur aus der hiesigen Zeitung kenne (Aufführung in Meckelfeld), das sich u.a. um Gewalt aus Ehrgefühlen dreht und um einen Cliquenkonflikt zwischen „Rotfischen“ und „Blaufischen“ und das sicherlich auch seine Berechtigungen und Wahrheiten in sich trägt. Weiter in der besagten Mail:

“ … Was mich interessieren würde, ist die Frage, ob in dem Stück auch Außenseiter vorkommen oder ob es NUR „Blaufische“ und „Rotfische“ gibt (auch dies ja biologische Begriffe). Mein Eindruck ist, dass dieses Stück kulturelle und Cliquen-Grenzen innerhalb einer Klasse beschreibt und kritisch beleuchtet, wobei aber die meisten Beteiligten (alle?) das Glück haben, zumindest zu einer der Cliquen zu gehören: Weil aber z.B. Schwule, Unscheinbare, Labile und sonstige Sonderlinge in solchen Cliquen nichts zu suchen haben, wird deren – doch viel größeres – Unglück u.U. ausgeblendet, und sie werden durch derartige Stücke implizit ausgegrenzt, weil sie ahnen, dass auch in der rot-blauen Fischgemeinschaft für sie kein Platz ist.

Eine weitere Frage wäre, ob Cliquenkämpfe letzten Endes nur als Folge von Missverständnissen gesehen werden, wobei aber unter den Tisch fällt, dass hinter diesen Kämpfen auch reale Konflikte und Gegensätze stehen können, die auch durch Thematisierung nicht verschwinden werden.

Wie gesagt, ich kenne das Stück nicht; aber man hat oft den Eindruck einer pseudo-schülernahen, pseudo-toleranten Herangehensweise in der herrschenden Pädagogik (gilt auch beim Thema Inklusion).

Insgesamt sehe ich hier die Gefahr einer Biologisierung – und diese Gefahr ist sicherlich nur einer von mehreren Aspekten der anti-intellektuellen Hamburger Philosophiepädagogik.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass Sie – soweit ich sehe – keine einzige Veröffentlichung zu einem klassischen Philosophen vorgelegt haben.

Für eine Antwort wäre ich dankbar – mehr noch für Schritte aus dem Fachmord heraus…“ (Ende der zitierten Mail an M. Tiedemann)

 Eine ernsthafte Antwort auf diese Argumente steht bis heute aus.

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