Faschismus und Kommunikationspädagogik: Ein zwiespältiges Verhältnis

0.

1. Hehre Ideale: Postmoderne Pädagogik und ihr antifaschistischer Anspruch

Die aktuelle Kommunikationspädagogik gibt sich gerne antifaschistisch, sieht sich in Frankfurter Traditionen und verweist jedes Beharren auf Wissensvermittlung  in das Reich autoritärer Charaktere. Deren Überwindung sei erste Lehrerpflicht. Als Gegenmittel zum „deutschen Charakter“ predigt sie den voraussetzungslosen Dialog unter „Gleichberechtigten“. Dieser „Dialog“ wird als Überwindung autoritärer Strukturen verstanden und de facto zum Selbstzweck erhoben – in der Philosophiedidaktik geht dies sogar so weit, dass jede Vermittlung von Philosophiegeschichte als autoritär gilt und man es als Akt antifaschistischer Befreiung begreift, die klassischen Philosophen – insbesondere natürlich die deutschen – ganz einfach von der geistigen Landkarte der Schulbildung zu streichen. Ein Napalm-Angriff auf das kulturelle Gedächtnis, kaschiert durch Pseudo-Verweise auf Sokrates und Platon!

Dass die Vermittlung von Philosophiegeschichte „politisch nicht gewollt“ ist, wie es der NRW-Fachfunktionär Draken einmal ausdrückte, lässt sich wohl nur so erklären, dass die historischen Philosophen pauschal unter Totalitarismus-Verdacht gestellt werden. Jedenfalls fürchtet man anscheinend, die SchülerInnen könnten auf falsche Ideen gebracht werden, wenn man sie mit dem systemischen Denken klassischer Philosophen konfrontiert. Nur so ist wohl der „Atomismus“ der Philo-Didaktik zu verstehen: das konsequente Auflösen der Philosophie in Einzelfragestellungen und das brutale Zerschneiden aller übergreifenden Zusammenhänge, die Auslöschung allen Wissens von Dogmen und ihrer Geschichte.

Jedes dogmatische Denken soll ausgerottet und in eine rein situativ-pragmatische Diskussion von Einzelfragen aufgelöst werden. Man fürchtet eine Über-Dogmatisierung des Denkens und verfolgt ganz bewusst eine anti-dogmatistische, anti-orthodoxe Denkschulung, die nur noch konkrete Fragen und konkrete Diskursteilnehmer kennt. Man erzeugt insofern ganz bewusst eine Unter-Dogmatisierung des Denkens und der Wissenshorizonte und hält dies für eine Erziehung zur Offenheit.

Wie so vieles in der aktuellen Schulpädagogik ist auch dies eher eine Schnapsidee – geboren aus einer Verabsolutierung von Teil-Wahrheiten. Denn es ist ein völliges Missverständnis, den deutschen Faschismus als Ausfluss philosophischer Über-Dogmatisierung zu begreifen. Ganz im Gegenteil: Die dogmatischen Anteile am „Nationalsozialismus“ waren eher szientistischer Natur, man denke nur an die pseudo-naturwissenschaftliche Rassenlehre. Demgegenüber war der „Nationalsozialismus“ philosophisch eher offen und unbestimmt und insofern „undogmatisch“. Es gehörte ja gerade zum Konzept des „Dritten Reichs“, intellektualistische Sinnkonstruktionen zu verachten und abzulehnen und sich auch gar nicht auf die Verpflichtungen einzulassen, die sich aus einer systematischen politischen Philosophie ergeben hätten. Das Leben und Handeln an einem rationalisierten Dogma auszurichten, widerstrebte den Ideologen des Instinkts.

Schon deshalb ist es eine Frechheit und Fehleinschätzung, die aktuelle Ausrottung des Philosophie-Wissens aus deutschen Schülerhirnen als Akt antifaschistischer Pädagogik zu begreifen. Die Teil-Wahrheit, dass Philosophien verabsolutiert werden können und dann ggf. zu Fanatismus führen, wird hier vollkommen überbewertet. Man schiebt das „Dritte Reich“ Hegel und Konsorten in die Schuhe, schmeißt die englischen und französischen Philosophen gleich noch mit in den Topf und kommt zum Ergebnis, systemische Philosophie sei undemokratisch und müsse von den Schultafeln weggewischt werden.

Diese Idee ist nicht nur naiv, lächerlich und brutal – sie ist auch typisch deutsch und reproduziert nur, was sie doch gerade bekämpfen will: den Glauben ans Patentrezept, das zunächst einmal AUSSCHLÜSSE empfiehlt. Der Glaube, dass tatsächlich „Ideen“ das Dritte Reich hervorgebracht hätten und ein Verschweigen und Verschwinden dieser Ideen einen antifaschistischen Effekt hätte – dieser Glaube gehört zu den vielen Fehleinschätzungen der aktuellen Pädagogik.

Ohnehin trauen sich die Kommunikationspädagogen kaum noch, diesen Gedanken offen auszusprechen, zumal sie Hitler damit ja indirekt zum „Philosophenkönig“ erklären würden. Den antifaschistischen Anspruch der Kommunikationspädagogen erkennt man oft nur noch indirekt und an biographischen „been-to-Frankfurt“-Verweisen. Dennoch ist diese Fehleinschätzung, etwas zur Überwindung des Faschismus zu tun, wohl die interne Rechtfertigung für die Macht- und Monopol-Politik, die z.B. die Netzwerke um Ekkehard Martens betreiben. Man versündigt sich am Prinzip demokratischer Offenheit, und dafür braucht man eine starke Rechtfertigung – da ist es doch schön, in der Tradition des Antifaschismus zu stehen!

Im Ergebnis kann die Kommunikationspädagogik in ihren heutigen, totalitären Ausmaßen auf diese Weise aber nicht gerechtfertigt werden. Der Antifaschismus ist ein billiger Vorwand, zumindest in einigen Bezügen.

In den folgenden Abschnitten wollen wir den Spieß sogar umdrehen und zeigen: Auch die Kommunikationspädagogik hat faschistische Seiten! – Diese Diskussion muss geführt werden, und hier gibt es sicherlich noch Interessantes zu entdecken.

2.  Heimliche Ausschlüsse: Das „Liquidatorische“ an der Kommunikationsdidaktik

Die Kommunikationsdidaktik gibt sich ausgesprochen offen; Vielfalt als Selbstzweck. Ekkehard Martens z.B. begann ein philosophiedidaktisches Seminar 2001 mit der Feststellung, Philosophie könne „vieles sein und zu vielem gut sein.“  Damit wird eine thematische und methodische Öffnung ausgesprochen, eine Entgrenzung, eine Überwindung traditioneller Ausschlüsse. Diese Entgrenzung und Öffnung kultureller Begriffe ist seit Jahrzehnten Trend: Nein, Gedichte müssen sich nicht reimen! – Nein, Künstler müssen nicht zeichnen können! – Nein, Theaterstücke müssen keine Aussage haben! – Nein, in Literatur müssen keine Bücher gelesen werden! – Nein, Philosophie-Unterricht braucht keine Philosophen! – Wie so viele Teil-Wahrheiten sind auch diese überdehnt worden und haben jene totalitäre Postmoderne miterzeugt, die nun ihrerseits Ausschlüsse produziert. Denn immer öfter heißt es: Gedichte dürfen sich nicht reimen; Künstler dürfen nicht gegenständlich zeichnen; Theaterstücke dürfen nichts abbilden und zu nichts erziehen; Bücher („Ganzschriften“) haben in der Schule nichts verloren! Dieses „Nicht-Dürfen“ wird nur selten als explizites Verbot ausgesprochen; es äußert sich eher in einer permanenten Benachteiligung und Verletzung dieser Ziele und Werte.

Auf die Entgrenzung folgt also in manchen Fällen eine neue Grenzziehung, wobei der ursprüngliche Kern einer Sache sich nun an ihrem Rande oder sogar außerhalb ihrer neuen Grenzen befindet. Die Begründung dieser neuen Grenzen erfolgt teilweise explizit und wird dann immer noch als Kampf gegen das traditionelle Establishment ausgegeben, obwohl bei diesen neuen Ausschlüssen und Grenzdefinitonen im Grunde längst ein neuer Mainstream, ein neues Establishment, das Ruder übernommen hat. Manchmal ergeben sich diese neuen Grenzen aber auch „automatisch“, z.B. über Marktmechanismen. 

Ein typisches Beispiel ist hier die Philosophiedidaktik, die den traditionellen Kern dieses Fachs weitgehend über Bord schmeißt, dies aktuell allerdings noch durch Tarnkappen-Verweise auf die Bildungstradition etwas kaschiert. „Tacheles“ wird man in dieser Hinsicht erst reden, wenn die Nachwuchskräfte am Drücker sind, die nicht mal eben so ein Platon- oder Goethe-Zitat aus der Hüfte schießen können. – Ein anderes Beispiel liefert der Hamburger Bildungsplaner Alfred Lumpe, wenn er in einem Interview mit der Hamburger Lehrerzeitung hlz erklärt, man könne zur Erreichung bestimmter Kompetenzen „Goethes X oder Schillers Y oder einen anderen Text“ nehmen; dies müsse von der Lerngruppe vor Ort abhängig gemacht werden, an der man die Literaturauswahl orientieren müsse (hlz 7-8/ 2014). Und da es nun – außerhalb des Johanneums – kaum Schulklassen (Lerngruppen) gibt, bei denen man spontan von einer „typischen Goethe-Klasse“ sprechen würde, werden Goethe und Schiller mit dieser Aussage -implizit, aber dafür faktisch(!) – über Bord geschmissen – auch wenn alles im Geiste der Offenheit geschieht und die beiden sogar noch explizit als Unterrichtsmöglichkeit genannt werden, was sonst kaum noch einem traditionellen Denker vergönnt ist.

Die „Öffnung“ führt also zu neuen Ausschlüssen, und in vielen Fällen wird man sogar von einer „feindlichen Übernahme“ sprechen dürfen. – Schauen wir uns doch einmal an, wer und was auf der ABSCHUSSLISTE DER POSTMODERNEN steht.

2a. Der Ausschluss des „lesenden Klosterschülers“

2b. Der Kampf gegen das Buch

2c. Die Verachtung des Wissens

2d. Die Auslöschung der Vergangenheit

2e. Das totalitäre Kalifornien – die Vernichtung der alten Bundesrepublik

2f. Der Inklusion zum Trotz: Zur Drangsalierung der Außenseiter

3. Lukacs die Zweite: Irrationalismus und Vernunft-Zerstörung durch situativ-voraussetzungslose Kommunikationspädagogik

4. Rechtwinklig an Leib und Seele: Unterschwellige Körper-Normierung in der Reformpädagogik

5. Autoritär sind immer die Anderen: Verleugnung und Projektion autoritären Lehrerverhaltens

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